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DIE VERSTUMMTEN KIRCHENGLOCKEN1

Elin Pelin

web

Am nächsten Tag war Mariä Empfängnis, der Festtag2 des Klosters Žerlina. Das Kloster war für seine wunderwirkende Ikone der Gottesmutter und drei honigsüß klingende Glocken berühmt, die den Segen des Himmels über das fruchtbare Tal verbreiteten, über welches das Kloster vom Gebirge herab hinter seinen weißen Mauern herrschte.

Nach altem Klosterbrauch läuteten die drei Glocken nur zu Ostern und an Mariä Empfängnis und der erste Glockenschlag durfte nur durch die Hand des Abtes gegeben werden. Vom Glockenturm aus wogte dann ihr honigsüßer, festlicher Klang über das Tal bis in die nahe gelegenen Dörfer, als berührten einander Himmel und Erde, um die Seelen zu Gott zu erheben und ihren Blick auf sein Himmelreich zu lenken.

Aus den neun Dörfern des breiten Tals und von noch weiter her kamen die Pilger zu dem alten Kloster, um an der heiligen Messe teilzunehmen3, sich vor der wunderwirkenden Ikone zu verneigen, ihr Gaben darzubringen, und um Heilung für Leib und Seele zu beten.

Der alte Abt, Vater Joakim, blickte zur Sonne, die bereits hinter dem alten Nussbaum des Klosters zu versinken begann, und sah, dass der Schatten des langen Čardaks4 die kleine Klosterkirche halb bedeckte. Eine flüchtige Unruhe bemächtigte sich seiner Seele.

Es wurde allmählich Zeit für die Abendmesse und er sollte die Glocken läuten.

War er bereit?

Er blickte auf seine Hände, um zu prüfen, ob sie rein waren, auf den gekehrten Kirchhof und auf die Menschen, die zuhauf vor dem Glockenturm standen und hinaufschauten. Dann stieg er auf den breiten, langen Čardak des Gebäudes, ging an den Mönchszellen entlang, stieg dann schnellen Schrittes die hohen Holzstufen wieder hinab und verschwand irgendwo im Hof. Seit zwei Tagen war der gütige, ehrwürdige Mann5 nicht zur Ruhe gekommen. Er wollte für den kommenden Festtag vorbereitet sein. Zu Ehren der Gottesmutter sollte alles rein und in bester Ordnung sein - alles sollte strahlen. Reich und Arm, Jung und Alt würden der Festmesse beiwohnen und auch der Bischof könnte kommen. In der kleinen Kirche waren die winzigen Spinnweben entfernt, die hintersten Ecken geputzt und die Steinplatten gewaschen und poliert worden.

Besonders freute sich der Abt über den Heiligenschein in Gold, den ein reicher Mann aus einem fernen Ort gespendet hatte und der den Kopf der wunderwirkenden Gottesmutter6 schmückte. Vater Joakim legte ein violettfarbenes teures Seidentuch auf die Ikonostase vor der Ikone der Muttergottes. Mehrmals kam er, um die Stofffalten zu richten und sich an dem Heiligenschein aus reinem Gold zu erfreuen.

Alles war bereit. Die Feststunde nahte. Die Klosterbrüder waren schon in ihren Zellen und bereiteten sich auf die Abendmesse vor. Der Abt wollte noch einmal überprüfen, ob er nicht etwas vergessen haben könnte, und ging erneut in die Kirche. Es war eine alte, mit niedrigen Decken ausgestattete Kirche7 - niemand wusste, wann sie erbaut worden war. Sie sollte die Erinnerung an die alten Könige bewahren, sie hatte das Joch8 überlebt und das neue Königreich gesegnet.

Die Abenddämmerung war in die Kirche vorgedrungen und ließ sich zum Gebet vor dem Ewigen Licht nieder, dessen kleine Flamme vor den sanft lächelnden Heiligen flackerte. Gerührt und strahlend waren die Mienen der Heiligen am Tag des großen Festes.

Der alte Abt blieb erstaunt an der Türschwelle stehen, als er die dunkle Gestalt einer Frau mit einem Kind im Arm vor der wunderwirkenden Ikone erblickte. Der ehrwürdige Mann wurde zornig. Vor der heutigen Abendmesse durfte die Kirche nicht betreten werden, ehe die festlichen Glocken geläutet wurden, so war es in der Kirche Tradition.

Er näherte sich der Frau leise und musterte sie von Kopf bis Fuß. Sie war zerlumpt, schmutzig, und aus dem unreinen Tuch, das ihr Gesicht verhüllte, blickten nur ihre Augen hervor.

Sie stand mit bloßen, schmutzigen Füßen auf den sauberen Steinplatten - und was den reinen alten Mann noch ärgerlicher machte - waren die schlammigen Fußabdrücke, die sie dabei hinterließ.

Sie betete laut schluchzend und bemerkte den sich ihr nähernden Abt nicht. Ihr blasses, wie eine welke Blume dahinsiechendes Kind hielt sie immer wieder vor die Muttergottes hin. Die Augen ihres Kindes waren geschlossen, es atmete nur schwer und stöhnte. Die Frau flüsterte inbrünstig betend "Liebe Mutter Gottes, bitte, rette und erhalte mein Kind, es ist mein einziges!" und verbeugte sich tief vor der Ikone gleichsam einem Baum im Sturm. Ihre Tränen tropften auf die kalten Steinplatten wie das Wachs der brennenden Kerzen. Sie nahm von ihrer Brust eine mit einem kleinen blauen Stein besetze Nadel und steckte sie an das neue violette Seidentuch.

"Liebe Heilige Mutter, nimm das bitte von mir an! Ich habe nichts anderes!"

"Warum bist du hier hereingekommen?", fragte zornig der alte Mann.

"Die Glocken haben noch nicht geläutet! Kennst du denn den Brauch nicht?"

"Ich weiß es nicht, Vater!", sagte sie verwirrt.

"Geh‘ jetzt hinaus und dann dann komm wieder!"

Die Frau wandte sich ergeben ab, drückte ihr Kind noch fester in die Arme und ging hinaus. Vater Joakim folgte ihr mit dem Blick, und als sie durch die Tür ins Licht trat, bemerkte er, wie zerlumpt und schmutzig sie war. Auf den Steinplatten, wo sie gestanden hatte, sah der Abt die schlammigen Flecken, die sie hinterlassen hatte. Er sah die einfache, mit dem kleinen blauen Stein besetzte Nadel, die sich hässlich wie eine Wanze auf dem schönen violetten Seidentuch abzeichnete. Vater Joakim nahm die Nadel, warf sie in die Ecke, bekreuzigte sich dreimal vor der Ikone, richtete das Seidentuch schön zurecht und ging hinaus.

Abgesehen von diesem Vorfall war alles in Ordnung und sein gutes Herz hatte all dies vergessen, als er den Hof voller Pilger sah. Die Menschen hielten Kerzen in ihren Händen und warteten darauf, das festliche Glockenläuten zu hören, um in die Kirche einzuziehen. Auch die Klosterbrüder waren bereit. Sie waren aus ihren Mönchszellen hinuntergekommen und unterhielten sich mit dem Volk über das bevorstehende Fest.

Als die versammelten Menschen auf den Abt blickten, waren sie vor Ehrfurcht ergriffen. Die Männer verneigten sich vor ihm, die Frauen reihten sich ein, um seine Hand zu küssen. Das Festliche kam - sein Herz war gerührt, er sprach zum Volk und segnete es.

Die Sonne ging langsam im Tal unter, ein leichter Wind kam vom Gebirge herab, berührte unterwegs die Nussbaumblätter, die leicht erzitterten, und zog weiter ins Tal, um mit dem Fluss ein wenig zu spielen.

Der ehrwürdige Mann wusch seine Hände unter dem fließenden Wasser des Brunnens und ein junger Klosterdiener reichte ihm ein Tuch, um seine Hände abzutrocknen. Danach bekreuzigte er sich und stieg auf den Glockenturm. Die Klosterbrüder stellten sich zum Kirchentor, das Volk versammelte sich demütig hinter ihnen und schaute in voller Erwartung auf den Glockenturm, wo der Abt stand, um das heilige Ritual zu erfüllen. Er bekreuzigte sich, zog das Seil, an dem die drei Glockenklöppel gebunden waren. Die eisernen Klöppel schlugen an den kupfernen Rand der schweren Glocken. Einmal, zweimal und ein drittes Mal...

Aber die mächtigen Bronzeglocken, die sonst einen kraftvollen Klang entfalteten, gaben keinen Ton von sich - sie waren verstummt. Furchteinflößend war es mitanzusehen, wie diese schweren eisernen Klöppel auf das reine Metall schlugen, es jedoch still blieb. Etwas Quälendes lag in der Luft. Die drei

Glocken pendelten, strengten sich wie entsetzte taubstumme Menschen an, die ein fürchterliches Feuer melden wollten, es aber nicht konnten.

Der ehrwürdige Mann begann mit all seinen Kräften am Seil zu ziehen, aber die Glocken schwiegen beharrlich. Ein lähmendes Entsetzen überkam den alten Mönch, sein Atem stockte - es wurde ihm schwarz vor Augen. Das Seil fiel aus seiner Hand und er brach auf dem Holzboden unter den Glocken zusammen.

Die Menschen im Hof fielen in Angst und Schrecken, bekreuzigten sich und wagten nicht, einen Laut von sich zu geben. Die Klosterbrüder stiegen auf den Glockenturm, um den alten Abt wiederzubeleben. Sie brachten ihn hinunter - leichenblass und gebrochen stützte er sich auf ihre Arme und vom Unglück gezeichnet konnte er kaum seine Worte aussprechen: "Das ist ein Zeichen Gottes! Betet Christenbrüder, große Sünde ist auf Erden geschehen."

Sie führten ihn in die Kirche und das Volk strömte ihnen nach. Alle fielen auf die Knie, bekreuzigten sich ununterbrochen und flüsterten leise Gebete, die Frauen weinten laut und die Kinder schrien erschreckt herum.

Zutiefst erschüttert, niedergeschlagen und entmutigt warf sich Vater Joakim vor der wunderwirkenden Ikone nieder, schlug mit der Stirn auf den kalten Boden und verharrte lange so. Sein altes Gesicht war von Tränen überströmt. Er begriff, dass etwas Entsetzliches geschah - Gott war zornig! Eine große Sünde lastete auf Erden - er wusste nicht, was dies sein könnte, und fand kaum Worte für sein Gebet. Hilflos hob er die Augen zum Antlitz der Gottesmutter, das edel und erhaben aus der mit Gold und teurer violettfarbener Seide geschmückten Ikone hervorstrahlte.

Der Abt stand auf, bekreuzigte sich und richtete unbewusst wieder das Seidentuch zurecht. Sein Blick schweifte betrübt umher - auf die Ikonen, den Thron, den Boden - und fiel auf das blaue Köpfchen der von ihm zuvor in die Ecke neben der Ikonostase geworfenen Nadel. Er bückte sich, nahm sie wie benommen auf und steckte sie in den seidenen Stoff. Auf einmal erklangen die Glocken in Gott preisendem Klang, der sich festlich entfaltete und frohlockend die Kirche erfüllte. Die Pilger eilten hinaus und auch die Klosterbrüder und der Abt folgten ihnen in den Hof. Vom neuen Wunder ergriffen, fielen alle auf die Knie und verneigten sich.

Niemand war im Glockenturm, aber die schweren Glocken pendelten schwungvoll-leicht und läuteten von selbst.

 

 

Anmerkungen des Übersetzers

1. Eine Übertragung der Erzählung ins Deutsche; die Fußnoten enthalten Wortzitate aus dem Originaltext ‚kursiv‘ und Erläuterungen zum Originaltext. [обратно]

2. Ein Feiertag zu Ehren des Schutzheiligen eines Klosters oder einer Kirche. Da das Kloster Žerlina unter dem Patronat der Muttergottes steht, finden die Feierlichkeiten ihr zu Ehren an Успение Богородично - Mariä Empfängnis statt. [обратно]

3. Черкуват - Die Menschen kommen, um zwei Tage lang im Kloster zu verweilen und an dem Heiligenritual aktiv teilzunehmen; dann findet die Festmesse statt. [обратно]

4. Ein an der Außenmauer eines Kirchengebäudes oder Klosters entlang verlaufender überdachter Gang gleichsam einer Veranda, der jedoch durch eine Stiege direkt zum Hof führt. [обратно]

5. Старец - Greis, konnotativ - weiser Mann, im kirchlichen Kontext s. oben Goldschmiedekunst: eine Ikone mit goldenem Beschlag. [обратно]

6. Die Kirche war vermutlich in einer historischen Zeit erbaut, in der die Kirchen eine gewisse Höhe, der eines Reiters auf dem Pferd, nicht überschreiten durften. [обратно]

7. Иго - ein bis 1989 vorherrschender Begriff in der bulgarischen Nationalliteratur, der die historische Zeit der ostmanischen Fremdherrschaft (1396-1878) bezeichnet. [обратно]

8. Дядо игумен - Großpapa-Abt oder Opa-Abt, im Bulg. mit Respekt und Sympathie zu einem älteren Mann; im Dt. abwertend. [обратно]

 

 

© Elin Pelin
© Maja Winkler, Übertragen ins Deutsche
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© E-magazine LiterNet, 24.02.2019, № 2 (231)