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DER SCHWARZE STORCH

Roman
(Leseprobe)

Christo Saprjanov

web

"Schwanz, Frau Wirtin, Schwanz.
Schwanz, Frau Wirtin, Schwanz."

Christo Saprjanov - Der schwarze StorchDa sind sie. Schon wieder kommen sie. Zu mir Alten, um ihren Spott zu treiben mit meinem Leid. Verflucht sei ihr Same, verflucht auch ihre Bräuche, die sie pflegen. Sie haben Angst vor mir. Sie halten mich für eine Hexe, nur weil ich tot bin, seit langem. Deshalb haben sie sich zusammengerottet, wie ein Rudel tollwütiger Hunde mit Masken aus Bärenfell. Sie drängen vor, sie hämmern an die Tür. Ich höre sehr wohl, was sie draußen brummeln. Kommt herein, nur keine Angst. Seht mich gut an, ich bin mit Asche bedeckt, meine Haare sind versengt, meine Wangen zerkratzt. Flüchtet nicht, kommt her zu mir. Ich kenne euch nicht, ich weiß nicht, wer ihr seid und wie ihr euch so sehr vermehrt habt, in den Zeiten meiner Erinnerungen gibt es euch nicht. Das Gedächtnis, euretwegen in Sünden umwoben, lügt. Ihr habt mich verbannt, aber ich bin euch deshalb nicht böse. Fürchtet euch nicht, ihr werde euch nichts tun, ich bin nicht die Mörderin, für die ihr mich haltet. Ich bin eure Mutter, und ihr seid meine Söhne. Ihr hasst mich, weil ich euch zur Welt gebracht habe. Ihr wagt es nicht einmal, mich zu berühren, ihr wiederholt nur immer von neuem diese Worte, deren Sinn ihr nicht versteht. Ihr seid hier eingedrungen, in mein Haus, um mich mit euren aus Eichenholz geschnitzten Phallussen zu züchtigen. Ihr werft euch in die Brust, ihr versucht, mir eure ovalen Stöcke zwischen die Beine zu zwängen, um mir das Böse auszutreiben, und denkt dabei, dass ich an eurem Unglück schuld bin. Ich mache euch keinen Vorwurf. Ihr seid Männer, Schembartläufer, die alles tun, was der Brauch gebietet. Deshalb kommt, umarmt mich. Ich will euch das geben, weshalb man euch hergeschickt hat. Erde vom Grab meines Sohnes.

 

Ich habe ihn zur Welt gebracht. Ich weiß nicht mehr genau, wie viel Zeit seitdem vergangen ist, aber ich weiß, dass ich seine Mutter bin. Ich erinnere mich noch, es geschah in der Nacht der Sternschnuppen. Als man ihn aus meinem Schoß holte, wurde der Himmel für einen Augenblick dunkel, und dann strömte es auf einmal Sternschnuppen. Sie fielen auf uns nieder und verschwanden, bevor sie die Erde erreicht hatten. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie sie die Nabelschnur zerschnitten, das Kind aber gab keinen Ton von sich. Ich glaubte, die Sterne hätten es erschreckt und deshalb schweige es, stumm vor Angst.

"Frau, der Balg ist missraten", sagten die beiden Wahrsagerinnen, die wegen der Niederkunft von fernher gekommen waren. "Am besten, du überlässt ihn uns."

"Meine Brüste sind voller Milch für meinen Sohn."

"Dieses Kind ist ein Ungeheuer!"

"Um so besser, dann wird es mich später, wenn es erwachsen ist, nicht verlassen und bis zu meinem letzten Atemzug bei mir bleiben."

So dachte ich damals, aber es kam ganz anders.

 

Ich bin alt, so alt, dass mir wieder Zähne wachsen und ich inzwischen daran zweifle, ob ich noch am Leben bin. Ich weiß nicht einmal, ob es mich überhaupt gegeben hat. Alles scheint mir ein Traum gewesen zu sein, aus dem ich jetzt erwacht bin, und nun kann ich nicht entscheiden, was Wirklichkeit ist und was nicht. Das einzige, was mit geblieben ist, sind Albträume, nichts anderes, Echtes, was man mit Sicherheit bereuen könnte.

Bin ich wirklich jenes Mädchen mit sonnengebleichtem Haar, das den Ziegen über die Wiesen hinterherlief, das, berauscht vom Duft der Feldblumen, das in das klare Wasser des Weihers eintauchte, ohne Ekel zu empfinden angesichts seiner vor Altersschwäche herabhängenden Hautfetzen, die jetzt meinen Körper bedecken. Ist es wirklich möglich, dass die Zeit seit meiner Kindheit, als Vater mich im Stall entjungferte, um mich zur Frau zu machen, so schnell vergangen ist. Er wollte nur mein Bestes, weil er mich liebte und von mir erwartete, dass ich seine Sippe fortsetzen würde. Nur wir beide waren auf der Welt übrig geblieben. Manchmal, wenn wir am Feuer saßen, erzählte er mir von Mutter. Er erzählte, wie sehr ich ihr ähnlich sehe und dass er, wenn er mich berühre, eigentlich mit ihr schlafe.

Sie war umgekommen wie die anderen, abgeschlachtet von den wilden Horden, die alles Lebende, das ihnen in die Quere kam, niedermetzelten. Nur Vater hatte es überlebt, weil er zusammen mit mir in den Wald geflohen war. Und er war nie wieder an jenen Ort zurückgekehrt.

Er fürchtete sich vor seinen Erinnerungen, die ihn qualvoll peinigten, bis zu seinem Ende, deshalb hatten wir den Gipfel des Berges erklommen, dort, wo sich Himmel und Erde vereinen. Er litt unter Mutters Tod, deshalb hatte er mich zur Frau genommen. Als ich Mutter wurde, hatte ich noch nicht einmal einen Busen. Ich war selbst noch ein Kind, und doch brachte ich ein Kind zur Welt, das war fast so alt wie ich selbst. "Es soll Bendida heißen", beschloss Vater. Ich fragte ihn, wer so geheißen hatte, und er antwortete: "Du selbst." Dabei hatte ich gar keinen Namen, das heißt, auch wenn ich einen gehabt hätte, erfahren habe ich ihn nie. Sicher weil ich jeden Namen hätte tragen können. Aber offenbar brauchte ich keinen. Anfangs redete man mich mit "Tochter" an, dann mit "Frau", und jetzt bin ich einfach eine Hexe.

Eines Tages badete ich meine Tochter im Weiler, bessere gesagt, wir spielten dort wie zwei Kinder. Plötzlich tauchte aus den Wolken um den Gipfel ein Reiter auf. Er hielt den Knauf des Schwertes fest in der Hand, von seinen Kleidern, ganz aus Seide und mit Schnüren verziert, blitzte bei jedem Zucken des Pferdes Licht. Das breite Koppel des Reiters strotzte vor Pistolen. Ein Mann in seinen stärksten und besten Jahren. Er starrte mich finster an, genau zwischen meinen Beinen, dort, wo das Wasser gluckerte.

"Wer bist du?"

"Wer ich bin, weiß ich nicht, aber das ist Bendida, meine Tochter."

"Los, schwing dich zusammen mit deiner Tochter aufs Pferd, ab heute bist du meine Frau. Und beeile dich, sonst werde ich böse, wer weiß, vielleicht werfe ich dann eure zarten Leiber den Tieren zum Fraß vor." Das rief er mit lauter Stimme, so dass das Echo das Rauschen des Wasserfalls übertönte.

Ich stand nackt unter den eisigen Strahlen und hielt mein Kind in den Armen. Der Wasserfall rauschte auf uns herab und schützte uns wie ein Vorhang. Ich zitterte am ganzen Leibe, vor Kälte und Angst wäre ich beinahe ohnmächtig geworden, aber jener Mann lachte nur, und seine riesigen Zähne funkelten in dem bärtigen Gesicht wie Perlen.

"Komm her, ich will dir was zeigen", sagte er und streckte mir seine Hand entgegen.

Ich gehorchte aus Furcht vor seiner Manneskraft, und das, was er mir befahl, gefiel mir, Gott weiß warum.

Vater stand auf der Schwelle vor der Tür und hatte seinen Blick auf uns gerichtet. Er erkannte, dass wir nicht mehr allein sind und dass wir kommen, um Abschied zu nehmen. Er schwieg, das Bein wie ein Türke untergeschlagen, und kaute Tabak. Er war gealtert und bleich. Er wirkte besorgt, so als erwarte er einen schon längst fälligen Urteilsspruch.

"Gott sei mit dir, Herr des Hauses" grüßte der Unbekannte, als wir näher gekommen waren. Er hielt das Pferd an, stieg aber nicht ab. Er blieb in seinem Sattel sitzen, hielt eine Pistole in der Hand und sagte:

"Du weißt doch noch, wer ich bin, nicht wahr?"

Vater nickte nur, die Augen fest auf den Boden gehaftet.

"Ich bin ihretwegen gekommen, doch jetzt werde ich beide mitnehmen!"

"Geh, woher du gekommen bist."

"Ich bin ein barmherziger Mensch, ich mag keine groben Worte, deshalb werde ich dir jetzt die Zunge abschlagen und sie dir dann schenken, damit du dir damit den Hintern abwischen kannst."

"Ich bin ihr Vater und der Vater ihrer Tochter. Du wirst sie nie besitzen können, weil sie dir Unheil bringen wird."

Er wendete sein Pferd und schoss, ohne zu zielen. Mir schien es, als hätte er ihn nicht getroffen, aber als ich Jahre später wieder hierher kam, saß er noch immer dort, auf der Schwelle. Ich sah, dass er mich erkannt hatte, dann hauchte er sein Leben aus.

 

Er hat mich hier hinunter gebracht, in sein Reich am Ende der Welt, wo die Erde aufhört. Ringsum nichts als nackte Erde und Gestein, unter uns nichts als Meer. Es schäumt, rumort missmutig, es stößt sich an den steilen Felsen. Es zieht sich zurück und kommt dann mit neuer Kraft wieder. Es zerstört die Küste übel gelaunt und verstimmt und verschlingt sie auf Nimmerwiedersehen. Es jagt dir Angst ein und zieht dich an, du würdest dich am liebsten dein Leben lang seiner Macht überlassen, aber nur die Möwen und die Seeadler, diese wunderbaren Vögel, wagen es, über dem Meer zu fliegen und irgendwo in seiner endlosen Weite zu entschwinden.

 

Wie sehr wünschte ich mir, ihnen hinterherzufliegen in den Abgrund und inmitten der Wellenkronen zu versinken, aber ich wagte es nicht, weil ich eine Sklavin war und man mich zwang, über diese Felsen zu gebieten. Sie waren nackt, vom Wind mit seinem salzigen Odem zerfressen, der sie in feinen Mondstaub verwandelt hatte, in dem sich nur die Schlangen zurechtfanden. Hier herrscht Totenstille und unendlich viel Fahlheit und weiße Eintönigkeit. Die Sonne brennt aus der Höhe, die Fahlheit scheint sich zu beleben, sie erhebt sich, bebt, dringt nach und nach in deine Seele ein und wird so unmerklich zu Stein. Von der sakralen Einsamkeit in Besitz genommen, spüre ich die Monotonie nicht mehr, und ich warte auf den Anbruch der Nacht. Die Einsamkeit geht von dannen, der Furcht vor den Schatten weichend. Anfangs kommen sie ganz unbemerkt hernieder, sie schleichen sich von hier und da lautlos ein. Sie versuchen, einen mit ihren langgezogenen Formen zu erreichen, um ihn zu verschlingen, bevor ihn der Mond verzaubert hat.

Ich ließ mir jedoch keine Angst einjagen und blieb hier, in dieser Wüste. Ich verwandelte diesen dem Meer abgerungenen Ort in einen Tempel, in dem ich Priesterin war, aus einer Sklavin wurde ich zur Gebieterin, weil ich diese nackten Berge, Schlangennester und Bösewichter mit dem Blut meines Leibes tränkte. Ich befruchtete den Fels mit mir selbst, ich veredelte den Boden mit meinem Körper, indem ich mich durch meinen Sohn begrub, deshalb bin ich jetzt unsterblich, wie der Schatten eines Idols.

Jetzt kommt ihr wie Pilger in mein Heim, dabei wollt ihr mich eigentlich vernichten und die Wurzel eurer Sippe austilgen, jener Sippe, die ihren Anfang in meinem Schoß genommen hat. Ihr wollt sie zu Staub machen und diesen Staub dann den Göttern zurückgeben anstelle eurer eigenen Leiber. Gut, tut es nur, schändet sein Grab, aber hört endlich auf, mich mit diesen Knüppeln zu züchtigen. Hört auf, mich zu verhöhnen, ihr seht doch, dass ich eine unglückliche Frau bin, die nichts mehr besitzt, nicht einmal einen Namen, mit dem ihr mich rufen könnt.

 

"Schwanz, Frau Wirtin, Schwanz.
Schwanz, Frau Wirtin, Schwanz."

Jetzt bin ich eine weiße Puppe, um überleben zu können hinter diesen Mauern des Steinbruchs, der aus einem Kerker zum Schlupfwinkel von Kopfabschneidern geworden ist. Von einstigen Häftlingen, durchweg Bösewichtern, die ihren Aufsehern den Hals abgeschnitten und aus dem Zuchthaus eine Festung gemacht haben, in der sie nun selbst Gebieter waren. Ihr Häuptling war der, der mich zu seiner Frau gemacht hatte. Er hat mich hier, in dieser Hölle, lebend begraben. Er verlangte von mir, dass ich für seine Sünden zahle. Er brauchte jemanden, den er opfern konnte, und nicht eine Frau, um mit ihr zu schlafen. Ich kroch wie ein Hund hinter ihm her, ohne auf unserem ganzen langen Weg auch nur einmal Rast zu machen, ich schleppte mich mit letzter Kraft dahin, er aber ritt vorneweg auf seinem Pferd und knurrte nur ab und zu: "Du bist meine Frau, du hast hinter mir herzugehen." Und ich folgte ihm, bis ich hier anlangte, inmitten dieser Meute von Heiducken, die es nach Frauen und Wein dürstete.

Es ist wahr, dass niemand mich auch nur mit einem Finger angerührt hat. Sie rotteten sich zusammen, um mich anzusehen, aber sie wagten es nicht, sich mir zu nähern.

"Wohin führst du dieses Kind, Woiwode?"

"Das ist meine Frau."

"Sind es in Wirklichkeit nicht zwei, Woiwode?" lachte einer.

"Die Kleine ist meine Tochter."

"Nun dann trinken wir auf euer Wohl", ertönte eine Stimme aus der Meute, und aus den Schläuchen quoll plötzlich schwerer roter Wein.

Sie waren Wilde, die Furcht einflößten, besonders wenn sie fröhlich waren. Überreizt vom Wein, der anstelle von Blut in ihren Adern floss, mit gezückten Pistolen, aus denen sie in die Luft schossen, so tanzten sie im Kreise. Sie ließen einen Hahn mit hängendem Kamm von Hand zu Hand gehen und stopften ihm Goldstücke in den Kropf. Ich sah ihnen stumm zu, wie sie in lebende Eber bissen, ohne sie auf dem Feuer gebraten zu haben, sie schmatzten und schluckten das zähe Fleisch zusammen mit dessen Blut.

"Hier, iss!" Sie warfen mir eine Keule zu.

Vor Angst nahm ich sie in die Hand und probierte das Fleisch. Es lebte noch, es zwickte mich in der Zunge und war sauer, ich würgte es herunter und spie es sofort wieder aus.

"Wir haben vergessen, ihm die Hoden zu abzuzwacken", grinste einer von ihnen.

Da sprang er auf, zückte seinen Krummsäbel und holte aus, um ihn niederzustrecken, doch seine Hand hielt im letzten Augenblick ein. Er betrachtete die verstummte Meute und sagte sanft:

"Sollte jemand es wagen, sie zu verhöhnen, werde ich ihn in Stücke schneiden."

Er entriss den Hahn jemandes Händen und führte mich in einen dunklen Korridor. Mein bis auf den Tod erschrockenes Kind weinte in meinem Schoß unentwegt. Er entwand es mir und warf es in ein leeres Zimmer mit etwas Stroh auf dem Fußboden.

"Kinderweinen höre ich zwar gern, aber jetzt habe ich einfach keine Zeit dafür. Das hier wird nun ihre Zelle sein, die nächste ist für dich."

Er schob mich zur benachbarten Tür. Dann stieß er mich auf die Sitzbank aus groben, ungehobelten Brettern. Ich verspürte Schmerz in meinen Knien, dann bekam ich einen Schlag aufs Kinn, aber ich war so erschöpft, dass ich keine Kraft hatte, mich aufzurichten. Ich drehte mich nur um, und da sah ich ihn breitbeinig stehen, er hatte seine Riesenfigur über mich gebeugt. Ich spürte seinen heißen Atem auf meinem Hals. Er stieß seltsame Laute aus, so als bekäme er keine Luft, aber anstelle dessen brach er immer wieder in Lachen aus. Er hielt den Hahn an den Beinen in der Hand, mit der anderen zog er ein Messer aus seinem Gürtel. Mit einem Schlag hieb er dem Hahn den Kopf ab. Zuckend sein Leben aushauchend, schlug der geköpfte Vogel mit seinen Flügeln um sich. Das Blut sprudelte hervor und bespritzte die Wände und mein weißes Hemd. Einen Augenblick lang blitzten Goldstücke auf, sie fielen aus dem abgeschnittenen Hals. Meine Ohren hörten, wie das Gold auf den Boden fiel. Entsetzt erwartete ich, dass er sich nun auf mich stürzen würde. Mit seinem blutbespritzten Gesicht sah er aus wie eine Bestie, bereit, mich zu zerreißen. Ich verspürte Angst, vermischt mit einem mir unbekannten Schauer, dem Wunsch, er möge mich in Besitz nehmen, damit ich sein mir Schmerz bereitendes Glied so bald wie möglich verspüren konnte.

Ich hielt ihn für einen Mann, der mich pausenlos lieben würde, doch er erwies sich nur als ein Unglückswurm, bereit zu jeder Art von Gewalt, um so seine fehlende Manneskraft zu verbergen. Er bildete sich ein, dass ich angesichts seiner einem Mädchen wie mir unbekannten Leidenschaft den Kopf verlieren würde. Er hoffte, dass ich sein Geheimnis in meinen Wahnsinn nicht erfahren würde, ohne zu ahnen, dass ich eigentlich keine Frau bin, sondern eine Kraft.

Es mag Zufall gewesen sein oder der Wunsch des Schicksals - ich erinnere mich noch sehr gut daran, als sei es gestern gewesen -, dass jener rot angelaufene Typ mit einem Kopf wie eine Stecknadel genau in diesem Augenblick in den Raum gestürmt kam. Er hatte Augen wie Knöpfe, sie befanden sich fast direkt über seinem Zahnkiefer, seine kurze, plattgedrückte Nase und seine Oberlippe lagen so nahe zusammen, dass sie sich aneinander gerieben hätten, hätte es dazwischen keinen Schnurrbart gegeben. Ich weiß nicht, wie es dazu kam, aber plötzlich stand er zwischen uns. Er holte tief Luft und begann zu stottern:

"W-w-woiwode, ein V-v-verfolgungstrupp ist hinter dir her!"

Er ließ mich liegen wie einen Fetzen. Er ließ mich auf der Holzbank liegen, nach Befriedigung lechzend. Zum Abschied drehte er sich um und befahl:

"Sammele die Goldstücke vom Boden auf. Sie gehören dir, du verdienst sie. vergiss nicht, dass du meine Frau bist und hier warten musst, bis ich wieder zurück bin."

Er zog mit seiner ganzen Schar ab, um erst Jahre später wieder aufzutauchen. Allein an diesem unheimlichen Ort verblieben, zog ich meine Tochter auf. Ich wünschte, sie würde schnell groß werden, damit ich jemanden hätte, mit dem ich mich unterhalten kann. Ich sah, wie sie vor meinen Augen aufwuchs, wie aus dem Kind ein Mädchen wurde, ich meinerseits verwandelte mich in eine reife Frau, die über ihr bevorstehendes Alter sinnierte. Vielleicht hätte ich mir hier, in dieser Einöde, wo das Leben erstarrt war, nicht solche Gedanken gemacht, wenn sie mich in ihrer unschuldigen Jugend, in der ich mein Spiegelbild erblickte, nicht immer wieder daran erinnert hätte. Wenn ich ihr rabenschwarzes Haar kämmte, betastete mein Blick ihre noch nicht voll entwickelten Brüste und ihren kleinen, festen Hintern. Ich habe sie mit letzter Kraft aufgezogen, ich gab ihr alle Liebe, zu der ich fähig war, und ich sah in ihr jetzt einzig und allein die Frau, die mir meine Jugendjahre gestohlen hatte. Ich hasste sie, aber eigentlich liebte ich sie, weil sie ich war.

Die Tage und die dazugehörigen Jahreszeiten vergingen langsam. Aus der Hitze wurde Kälte, und durch meine Tränen wurde die Kälte zu Raureif. Ich hatte mich meiner Einsamkeit ergeben und wartete und weinte jahrelang. So verlor ich meine Empfindsamkeit, alle meine Sinne stumpften ab. Wenn ich in den Himmel blickte, sah ich einen Schwarm schwarzer Störche. Sie zogen ihre Kreise über mein Fleckchen Erde. Sie flogen fort, aber sie kamen immer wieder, um mir bewusst zu machen, dass die Zeit vergeht und mich ein neues Leben erwartete.

"Mutti, ich habe einen präparierten Onkel gesehen!"

" Ja, mein Kind, die Toten werden immer mehr."

Er tauchte wie ein Gespenst auf. Ich erschrak nicht, aber seitdem ich hier lebte, war niemand vorbeigekommen. Ich hatte oftmals Geräusche und seltsame Schreie gehört, aber nun sah ich zum ersten Mal einen lebenden Menschen. Ich hielt ihn für einen an den nackten Felsen geschmiedeten Toten, aber als er mich um einen Tropfen Wasser bat, begriff ich, dass er ein Unglückswurm war, so wie ich. Sein Gesicht wirkte gequält, sein Blick war traurig. Er schien mir irgendwie bemitleidenswert und sehr müde. Ich lud ihn in mein Haus ein, er solle sich ausruhen. Ich gab ihm Möweneier und gedörrten Fisch zu essen.

"Ich habe auch noch frische Milch, mit der ich meine Tochter säuge", bot ich ihm freiheraus an, er aber blickte mich nur demütig an und sank auf den steinernen Fußboden. Dann schlief er ein wie ein Toter, ohne einen Laut von sich zu geben.

Als er aufwachte, war es bereits Nacht geworden, meine Tochter schlief seit langem. Mir fiel nichts ein, was ich mit dem fremden Mann zusammen hätte tun können. Seit jenem Augenblick, in dem ich allein geblieben war, war viel Zeit vergangen, und ich hatte vergessen, dass ich eine Frau bin. Deshalb genierte ich mich jetzt vor der Anwesenheit dieses Unbekannten. Ich hatte nicht die Absicht, mit ihm mein Bett zu teilen, trotzdem erregte mich diese Nähe zwischen uns beiden. Er war völlig entkräftet und brauchte ganz offensichtlich meine Hilfe. Sein schmales, erschöpftes Gesicht, das in einen spärlichen, schütteren Ziegenbart auslief, wirkte kränklich, gleichzeitig aber auch in gewissem Sinne vergeistigt. Ich streckte meine Hand ziemlich unsicher aus und legte sie auf seine kalte Stirn, er öffnete seine Augenlieder leicht, offenbar um mir Mut zu machen. Von dieser Berührung wurde ich rot wie ein Kind. Ich spürte, wie heiße Schauer über meinen Rücken liefen, und bevor ich begriffen hatte, was genau passieren würde, hatte er bereits seinen Kopf an mich gedrückt. Ich sah, wie er mich unter meinen schaudernden Brüsten bekümmert anblickte. Mit seinen schmalen, blau angelaufenen Lippen lächelte er traurig, als bitte er mich, ihm zu verzeihen. Vorsichtig hob ich seinen kraftlosen Körper an und küsste ihn gierig. Seine blau angelaufenen, eiskalten Lippen. Für einen Augenblick hatte ich das Gefühl, dass ich eine Leiche im Arm halte, doch dann spürte ich, wie sein Glied unter meiner Liebkosung zu wachsen begann. Ich versuchte, es in mich hineinzustecken, doch vorher blickte ich ihm in die Augen, um zu sehen, ob er die Kraft dazu haben würde, er aber lachte mich hämisch aus und zeigte mir dabei seine langen Vorderzähne. Er drang ganz plötzlich in mich ein, ich verspürte einen starken Schmerz, als hätte mich ein Blitz getroffen.

"Mein Gott!" schrie ich auf, und von wilder Leidenschaft besessen, fiel ich wie ein gefällter Baum auf seine nackten Schultern.

Wie lange ich so gelegen hatte, weiß ich nicht, aber als ich wieder zu mir gekommen war, ließ ich meine Finger über seine behaarte Brust gleiten. Ich genoss es, ich hätte ihn am liebsten geküsst, um ihn meine zärtlichen Regungen spüren zu lassen, doch dann bemerkte ich die Hörner auf seinem Kopf.

"Du bist der Teufel?!"

"Ja, das bin ich", antwortete er mir.

 

Er ging, wie er gekommen war. Wer weiß, wie und wohin. Ich glaubte, dass ich mir das alles nur eingebildet hatte, doch seit jenem Tag bekam ich Schwindelanfälle. Ich verspürte ein Ziehen in meinem Bauch, danach wurde mir immer öfter übel. So erkannte ich, dass ich wieder schwanger war. Ich war weder verwundert, noch beunruhigte mich dieser Umstand. Im Gegenteil, ich war sogar glücklich. Ich würde wieder Mutter werden, auch wenn ich das Kind vom Satan selbst empfangen hatte. Ich hatte mich verführen lassen, aber ich bedauere es nicht. Besser ein Teufelskind als Ergebnis meiner fleischlichen Sünde, als jemandem, den ich nicht kenne, treu zu bleiben und hier in aller Vergessenheit zugrunde zu gehen.

Ich war hinausgegangen, um spazieren zu gehen, und beschloss, inmitten der Felsen, in einer Stromschnelle zu baden. In der Nacht hatte es ein wenig geregnet, und das taufrische Wasser floss an meinem Körper herab und machte die Haut weich. Ich lag lange auf dem feinen Sand, der sich abgesetzt hatte, in den sanften Strahlen der Mittagssonne. Ich befühlte meinen gewachsenen Bauch, ich hoffte, Anzeichen des Lebens in mir zu verspüren, doch unter der straff gespannten Haut war noch nichts zu bemerken. Ich ließ meine Hand weiter nach oben gleiten und bemerkte auf einmal so etwas wie einen Pickel zwischen meinen beiden Brüsten. Anfangs war ich erstaunt, doch dann begriff ich, dass mir eine dritte Brust wuchs, um mein neues Kind nähren zu können.

Zur gleichen Zeit bemerkte ich, dass sich ein Schatten auf mich legte, der unverkennbar von der Figur eines Mannes stammte. Anfangs dachte ich, dass er zurückgekehrt sei, um hier zu sein, wenn ich seinen Sohn zur Welt bringe. Ich vertiefte mich eingehender in die schlanke, hochgewachsene Silhouette, die genau vor meinem nackten Körper Halt gemacht hatte. Ich erkannte sein rotes, sonnenbeschienenes Haar, und ich erinnerte mich an die missgebildeten Züge jenes Typs, der in meiner Hochzeitsnacht zwischen uns aufgetaucht war. Ihr drehte mich zur Seite, um mich vor seinen dreisten Blicken zu verbergen, aber er streckte die Hand aus und hielt mich eisern an den Füßen fest.

"Ich bin Branko und nicht der, an den du denkst. Ich habe dich zusammen mit ihm gesehen und könnte das nun meinem Herrn erzählen, der mich hergeschickt hat, um dich zu beobachten."

"Was willst du?"

"Dich!"

"Ich werde dir Goldstücke geben."

"Wie du willst, Herrin, ich bin nur dein Diener", sagte er und ließ mich laufen.

 

"Wie lange werden wir uns noch in diesem Loch verkriechen?" sagte der Mann mit den starken Schultern und ohne Hals zu dem, der auf der anderen Seite des ganz mit Perlmutt und kleinen Diamanten inkrustierten geöffneten Trick-Track-Brettes saß.

Jener hat sich auf dem Bärenfell neben dem Kohlebecken bequem ausgestreckt und wirft die Würfel aus Elfenbein, ohne zu antworten.

"Zweimal die Zwei!" ruft er ganz ins Spiel vertieft aus. "Los, du bist an der Reihe."

"Zweimal die Sechs. Das ist ein echter Wurf, Woiwode!"

"Du bist eben ein Glückspilz, Mussah, aber merk dir, wenn es zu prächtig für dich läuft, so verheißt das nichts Gutes."

"Hier geht es nicht um Glück, sondern ums Können. Wenn ich eine Kombination brauche, zupfe ich mich leicht am Ohr, und dann fallen die Würfel so, wie ich es mir gewünscht habe."

"Zeig mir, wie du das machst!"

Mussah fasst sich an die Ohrmuschel, doch es gelingt ihm nicht, sein Können zu beweisen, weil der andere sein Messer hervorzieht und das ganze Ohr abschneidet.

"Jetzt können wir weiterspielen", atmet er erleichtert auf, während er seinen Partner, der sich ihm gegenüber vor Schmerzen windet und die Hand an die Wunde presst, gelangweilt betrachtet. "Was hattest du mich vorhin gefragt - wie lange wir noch hier bleiben werden? Ich weiß es nicht, ich kann es dir nicht sagen, in dieser Höhle habe ich jede Vorstellung von der Zeit verloren, aber sollten wir uns draußen blicken lassen, werden wir auf einem Pfahl enden. Hör endlich auf, wegen eines Ohres zu jammern. Komm, setz dich neben mich! Kratz mir den Rücken und dann auch noch anderswo. Du weißt schon, wo, und sag nicht, dass du es aus purer Freundschaft tust. es gefällt dir, in meiner Nähe zu sein. Doch warte, mir scheint, dass Branko kommt. Ich habe ihn eine Ewigkeit nicht gesehen. Sicher hat er Neuigkeiten zu berichten."

Der Mann kommt herein, verbeugt sich, dann setzt er sich nahe an den Rauchfang, räuspert sich und erst dann beginnt er zu erzählen.

"Beinahe wäre einer gekommen, der Sie kompromittiert hätte, Herr."

"Was ist mit ihm geschehen?"

"Ich habe ihn getötet, bevor er geboren wurde."

"Das hast du gut gemacht. Und was ist mit dem, den sie nach meinem Kopf ausgeschickt haben?"

"Der Wesir sagte, er suche nach dir."

"Wo?"

"Dort, wo du nicht bist. So hat er es gesagt."

"Bist du sicher?"

"Er hat einen Mund, aber keine Zunge."

"Dann ist alles in Ordnung. Geh und ruh dich aus, oder gibt es sonst noch etwas?"

"Eine Karawane mit Sklaven zieht vorbei."

"lass sie ziehen. Ich habe schon so viele befreit. Das genügt, es sind viel zu viel, die in Freiheit leben. Mögen sie Sklaven bleiben, für sie ist es besser so."

"Im Anzug ist auch eine Karawane mit Kamelen."

"Einhöckrige oder zweihöckrige?"

"Das weiß ich nicht mehr, aber sie tragen keine Lasten."

"Und wer treibt sie an?"

"Irgendein Fremder, ohne jeglichen Schutz."

"Den bringst du mir am besten, bevor ich mit dem Trick-Track-Spiel fertig bin."

Ein hagerer Mann, ganz in Schwarz gekleidet, tritt ein. Sein Rücken ist gekrümmt, aber sein spitzes Kinn hat er hoch aufgerichtet. Er macht einen friedfertigen Eindruck, aber seine Augen blitzen in der Dunkelheit dreist. "Wohin gehst du, Fremder?"

"Nirgendwohin."

"Was tragen deine Kamele?"

"Nichts."

"Und wozu brauchst du es, wo es doch nichts ist?"

"Eines Tages wird es vielleicht zu etwas nutze sein."

"Hm... Komm, wir wollen allein miteinander reden!" nickt er betroffen und schlägt das Spielbrett krachend zu. Er führt ihn in seine Zelle, dort, wo die Finsternis undurchdringlich ist und kein Laut herausdringt.

 

"Wenn ich ehrlich sein soll, Mussah, sind mir die Tränen gekommen, als ich ihn reden hörte. Du kennst mich und weißt, dass ich nie zuvor geweint habe. Auch damals weinte ich nicht, aber mir rollten die Tränen. Nur aus Ehrgeiz, ohne jeden anderen Grund."

"Was hat er dir gesagt?"

"Er sagte, ich sei einer von jenen, denen Hörner wachsen."

"Ein Hahnrei."

"Genau das hat er mir gesagt."

"Hast du ihn getötet?"

"Nein, denn er wusste, was er sagt. Hier, sieh mich bei diesem schwachen Licht doch mal besser an." Und er wickelt seinen weich gefalteten Turban langsam auf.

 

"Heute bringe ich dir eine schlechte Nachricht, Woiwode!"

"Welche?"

"Der Wesir hat gesagt, dass jener, der dich bisher dort gesucht hat, wo du nicht bist, jetzt kommen wird, um dich gefangen zu nehmen."

"Keine Angst! Ich werde mich ihm selbst ergeben. Aber zuvor will ich nach meiner Familie sehen."

"Was werden wir jetzt ohne dich tun?"

"Ihr werdet mich freikaufen. Gold habt ihr. Andernfalls werde ich eine Möglichkeit finden zu flüchten, um euch alle bis auf den letzten abzuschlachten."

 

Ich erwartete ihn. Ich spürte, dass er kommen würde, um sich an mir zu rächen. Er wusste kaum noch, wie ich aussah, aber sein tierischer Instinkt hatte ihm offensichtlich etwas gesagt, und er würde kommen, um mich zu strafen, bevor er wieder geht. Ich wusste, dass er zu allem fähig ist, sogar dazu, mich zu töten, aber nicht aus Eifersucht, sondern aus Hass auf seine eigene Frau. Ich war darauf vorbereitet, ich erwartete den Tod sogar, deshalb wunderte ich mich auch nicht, als er die Tür zu Kleinholz machte und erst danach selbst hereinkam. Ich stand, die Augen auf den Boden geheftet, ohne zu wissen, wie ich mich zu verhalten hatte. Ich versuchte, ihn zu küssen, aber er schob mich angeekelt zur Seite.

"Sei mir nicht böse, dass ich nicht lieb zu dir bin. Jetzt ist mir nicht danach. Mach mir etwas zu essen, denn ich habe großen Hunger, unterwegs hatte ich nichts essbares bei mir."

Ich füllte eine ganze Schüssel mit Wein und eingebrocktem Brot. Ich tat ihm die Schale auf den Tisch, und ohne ein Wort zu sagen, begann er mit großem Appetit zu essen. Ich wusste, dass er absichtlich schwieg, damit ich reden konnte. Ich stand neben ihm, vor Angst wagte ich kein einziges Wort, schließlich entschloss ich mich zu reden und begann:

"Ich möchte dir etwas sagen!"

"Es gibt nichts, was ich nicht wüsste. Tu mir lieber noch etwas zu essen auf, ich will satt werden."

Ich tat ihm ein zweites Mal auf, diesmal hatte ich jedoch genügend Mut und Kraft gesammelt.

"Ich wollte dir sagen, dass ich schwanger bin.

Für einen Augenblick erstarrte er, doch dann schmatzte er weiter.

"Von wem?"

"Von dir."

"Aber, Mutter, du hast doch völlig allein gelebt"

Ich erkannte die Stimme meiner Tochter, die zu dieser späten Stunde auf einmal hinter meinem Rücken stand, um den Mann, vor dem ich damals Angst hatte, mit eigenen Augen zu sehen. Vielleicht war sie auf das neue Kind eifersüchtig und wollte mich deshalb in ihrem Wunsch, mich für sich allein zu haben, bloßstellen. Aber das war es wohl kaum. Ich kannte sie gut, sie machte mich nicht aus kindlichem Neid schlecht, sondern weil sie eine Frau war, bereit sogar dazu, mich zu vernichten, in ihrem Begehren, ihm zu gefallen. Sie wirkte verwundert. so als hätte sie mich nur gefragt, um die für ihr Alter typische Neugierde zu befriedigen, doch eigentlich wollte sie mich nur ignorieren, mit ihrer zur Schau getragenen Naivität.

"Für manche Dinge bist du noch zu klein", antwortete ich ihr mürrisch.

Ich meinte, er würde sich darüber ärgern, das Messer zücken und mich mitten beim Essen abstechen, anstelle dessen fragte er nur:

"Wer ist das?"

"Deine Tochter."

Ich sah, wie er sie heftig umarmte und ihr schmächtiger Körper in seinen schwieligen Händen verschwand. Nur ihr Haar, das ich zu einem Pferdeschwanz band, lag jetzt auf dem Fußboden wie eine schwarze Schleppe.

"Wohin trägst du mich, Vater?" fragte sie ihn mit ihrer frischen, klingenden Kinderstimme.

"Auf deine Schlafstätte, Kind."

Ich hatte eine gemeine Hure aufgezogen. Ein ordinäres, schamloses Weib. Mit einem Engelsgesicht und der Seele einer Freudenmädchens. Sie versuchte, mir zu demonstrieren, dass ich diesem Mann, der mich selbst ausgewählt hatte, nichts bedeute und dass ihn nicht einmal damit aufpulvern konnte, dass ich bei einem anderen gewesen war. Sie demütigte mich, wenn auch unbewusst, wie ein beleidigtes Kind. Sie zeigte mir, dass sie bereits eine Frau und ich zu nichts anderem nutze war, als mich am Stöhnen der beiden zu laben.

Ich vertrieb sie, wie man einen räudigen Hund vertreibt, sie sollte sich anderswo im Schmutz sielen, weit weg von meinem Heim. Mochte sie in den Wald gehen, zu den Waldfeen, dorthin, wo sich die wilden Tiere herumtreiben. Sie bat mich, ihr zu verzeihen, weil ich doch ihre Mutter sei oder auch ihre Schwester. Um nichts in der Welt hätte ich es getan, lieber würde ich hier vor Einsamkeit sterben, als diese Hure mit meiner Milch zu nähren. Sie bildete sich ein, ein Unglücksrabe wie er würde mit ihr schlafen wollen, er aber wollte nicht sie, sondern ihre Jungfräulichkeit, denn er wusste, dass die Jungfräulichkeit etwas ist, das man nicht zurückbekommen kann, wenn man es erst einmal verloren hat. Er entjungferte sie und flüchtete ins Gefängnis, er flüchtete wie jeder andere Mann.

 

Und wieder blieb ich allein, aber nicht für lange Zeit. Mein Junge kam zur Welt. Er schien völlig gesund zu sein, ohne jedweden Makel, und obwohl die Wahrsagerin etwas anderes prophezeit hatte, wuchs er schnell, schier in Stunden. Er saugte wie ein Wolfsjunges pausenlos an meinen drei Brüsten und kicherte wie ein Teufelchen, wenn die Milch darin versiegte. Mein Leben befriedigte mich, endlich hatte ich einen Sohn, der mir gehörte und der mir niemals das antun würde, was jene Hure, die ich fortgejagt hatte, mit mir gemacht hatte. Ich widmete mich vollauf meinen Mutterpflichten, ich tat alles, was ich konnte, um ihn aufzuziehen und einen Mann aus ihm zu machen. Ich flüsterte ihm zärtliche Worte zu und streichelte das kleine Köpfchen in meinem Schoß hingebungsvoll, während er sein Gesicht an meine Brüste drückte und so gierig daran saugte, dass es mich schmerzte. Ich liebte es, ihn zu säugen, so spürte ich, dass er ein Teil meiner selbst ist, er wiederum blickte mich schuldbewusst an, mit Augen voller Liebe. Er war noch klein und wusste nicht, dass er mich liebt. Er brauchte noch Zeit, um zu wachsen und sich seiner eignen Gefühle bewusst zu werden.

Wie schnell die Zeit verfliegt, wie unmerklich sich die Tage aneinander reihten. Hier ist mein Sohn, inzwischen größer geworden. Jener Junge dort gegenüber, der in dem an den Zweigen der Eiche hängenden Sarg seines Vaters schaukelt. So viele Jahre sind verstrichen, und ich warte noch immer auf die Leiche meines Mannes. Ich erwarte ihn in der törichten Hoffnung, sie endlich zu bekommen, um sie bestatten zu können. Ich wollte jene Angst überwinden, zu der ich als Frau, die das Geheimnis seiner Manneskraft für immer zu hüten hatte, verurteilt war.

Durch die Bestattung seiner sterblichen Überreste in der Erde würde ich ihn und seine abscheuliche Gewalt endlich besitzen können. Danach würde ich frei sein und kraft seines bösen Ruhms herrschen können, doch vorläufig hatte ich nicht das geringste Lebenszeichen von ihm. Niemand trug seinen Kopf durch Dörfer und Weiler, um den Seelen der Menschen Furcht einzuflößen oder sie zu beruhigen.

Ich hatte die schreckliche Ungewißheit bereits als mein Schicksal akzeptiert und hoffte, er würde nie wieder kommen, als ich in den Schluchten das Echo der Hufeisen eines galoppierenden Pferdes vernahm, ich war wie gelähmt, weil ich erkannte, dass er nicht tot ist, sondern gesund und munter zu seiner erfundenen Frau zurückkehrt. Er kommt zu mir, um mich zu malträtieren und so sein schlechtes Gewissen zu beschwichtigen. Er hat sicher erfahren, dass ich einen Sohn besitze, und kommt jetzt, um ihn zu verderben. Er hat das Bedürfnis, meinen Schmerz zu genießen, was ihn aufgeilt und ihm die Kraft gibt weiterzuleben.

Ich rief meinen Sohn zu mir und traf die Vorbereitungen, um ihn fortzuschicken. Ich wollte, dass er so schnell wie möglich wegkam, bevor er ihn hier antreffen konnte. Ich fürchtete um meinen Sohn, ich hatte Angst, er könnte ihn aus Eifersucht verhöhnen und ihn schließlich umbringen.

"Du gehst jetzt hier über die Hochebene, danach wirst du zum Wald der wilden Mispeln herabsteigen, mache jedoch keine Rast, bevor du die Flussmündung erreicht hast, von dort wirst an seinem Ufer flussaufwärts weitergehen, bis du die Stelle erreicht hast, wo der Fluss eine Wende macht und den Berg hinauf zu fließen beginnt. Wo Wasser ist, findet sich leicht Nahrung, aber ich habe dir für unterwegs etwas von meiner Milch in diesen Schlauch gepresst", belehrte ich ihn eilig, dann küsste ich ihn zum letzten Mal.

Ich sah, dass er weinte, auch wenn er keine Tränen vergoss. Er war noch zu klein, um sich allein auf den Weg zu machen.

"Wie soll ich ohne deine Milch leben, Mutter?"

"Du bist jung, es wird dir schon gelingen."

"Ich bin jung, aber ich weiß nicht, vielleicht werde ich sterben."

"Hab keine Angst. Versprich mir nur, dass du irgendwann wieder zu mir zurückkehren wirst."

"Deshalb gehe ich ja jetzt fort, Mutter, um wieder zurückzukommen. Ohne fortzugehen, kann ich nicht zurückkehren!"

 

Das Boot schwimmt langsam auf dem Wasser. Der Junge hat sein ganzes Gewicht auf den langen, gestutzten Stab gelegt und stößt sich mit aller Kraft auf dem schlammigen Grund des ruhigen Flusses ab. Er geht in die Knie, um seinen noch nicht stark genug entwickelten Schultern zu helfen, die Sehnen seines Halses sind schmerzvoll angespannt, dann holt er kurz Luft, und danach wiederholt er diese Bewegungen, um die entgegenkommende Strömung überwinden zu können. Der lange Weg scheint ihn erschöpft zu haben, und im schwankenden Boot wahrt er das Gleichgewicht nur mit Mühe, aber geleitet von der Furcht eines jeden verlorenen Kindes setzt er seinen Weg ins Unbekannte fort. Er handhabt den Stab, der seinen wund gescheuerten Händen entgleitet, immer ungeschickter, und die Strömung hat sich in dem schmaler gewordenen Flussbett verstärkt und treibt ihn zurück. Er versucht, sich an den über dem Fluss hängenden Zweigen der Weiden festzuhalten, während er sich durch die langen Äste des wilden Weins kämpft, die den Himmel verdecken und das Licht in Dunkelheit verwandeln. Auf der hellen Seite, dort, wo das Ufer nackt und felsig ist, sucht er eine Furt, doch dort stößt das Kiel des Bootes, das die glatte Wasseroberfläche nur mühsam durchquert, auf Stein. Er sieht sich suchend um und will sich aus dieser Lage befreien, bevor ihn die Strömung seitlich abgetrieben hat, dabei bemerkt er die Schlangenköpfchen inmitten der blühenden Lilien. Ihre hervorspringenden Augen blicken ihn neugierig an und verschwinden dann wieder hinter den ovalen Blättern der Wasserpflanzen, danach tauchen sie wieder auf, als wollten sie sich davon überzeugen, dass er noch immer in seinem alten, im flachen Wasser festsitzenden Boot steht. Sie beobachten ihn aufmerksam, als hätten sie die Absicht, ihn anzugreifen, und warteten nur auf die Gelegenheit, sich um seinen Leib zu schlingen. Er holt den Stab ein. Er bemüht sich, sie zu vertreiben, indem er mit dem Holzstock auf das Wasser schlägt, doch bevor er sich dazu entschließt, sieht er im Schilf, dort, wo sich zwei aufgestörte Schnepfen versteckt haben, die Rückenflosse eines Hechtes. Der Fisch bewegt sich nicht und hebt nur periodisch seine Kiemen an. Er hatte nichts außer der Milch aus dem Schlauch zu sich genommen, und das fast ganz zu Anfang seines Weges, jetzt verspürte er starken Hunger und hätte sogar einen Fisch lebend verspeist. Er bleibt, wo er ist, aufrecht und zum Schlag bereit, aber er wartet, dass ihn der Fluss von allein weiter treibt, näher ans Ufer, dort wo das Wasser dicht mit Herbstlaub bedeckt ist. Sobald er seinem Ziel nahe genug ist, holt er aus, verliert aber unter dem Druck seiner Kraft das Gleichgewicht und fällt in den Fluss. Er kann nicht schwimmen, deshalb tastet er mit seinen Füßen nach dem Grund. Er glaubt, das Wasser sei ganz seicht, aber seine Füße finden nirgendwo Halt. Er versucht, Luft zu holen, doch anstelle dessen schluckt er abgestandenes Wasser. Er wedelt mit den Armen, in der Hoffnung, etwas zu erreichen, woran er sich festhalten könnte, aber er bekommt nur glitschige Lilienstängel zwischen die Finger, die irgendwo in der Tiefe gewachsen sind. Sie winden sich wie Schlangen um seinen schmächtigen Körper, bis er schließlich völlig unter dem Wasser verschwindet.

 

Es ist Herbst. Das Laub fällt auf das Wasser, und der Fluss verschlingt es nach und nach, die Kälte bedeckt ihn allmählich mit Eis. Seltsamerweise sind die Frösche noch dort und quaken inmitten der Stille, und jemand zündet mit den vertrockneten Blättern ein Feuer an.

Als er zu sich kommt, sieht er eine Frau vor sich. Sie hat sich direkt über seinen Kopf gebeugt, so dass ihr pechschwarzes Haar seine eingefallenen Wangen berührt. Sein Blick trifft als erstes auf große, smaragdfarbene Augen mit schweren Wimpern, sie sind der Hauptbestandteil ihres Gesichts. Dieses Gesicht scheint ihm so bekannt zu sein, dass er bereit ist, es zu küssen, aber nur einen Augenblick später zuckt er zurück, verwirrt von der unmittelbaren Nähe beider Körper.

"Was machst du hier, Junge?"

"Ich weiß es nicht."

"Also suchst du mich", entgegnet sie ihm und lacht wie ein Kind. "Los, steh auf, bevor du erfroren bist."

Sie gibt ihm die Hand, um ihm zu helfen. Er zögert kurz, ob er sie ergreifen soll, doch dann tut er es. Er fühlt ihre kühle Handfläche in der seinen und spürt, wie ihm bei dieser Berührung Schauer über den Rücken laufen. Er begriff nicht, warum ihm auf einmal so heiß wurde, so etwas hatte er nie zuvor empfunden. In der Tat war er noch nie einem anderen Menschen begegnet, er kannte niemanden außer seiner eigenen Mutter. Aber bei dem Kontakt mit dieser Frau hat er das Gefühl, dass sie etwas Sonderbares an sich hat.

"Folge mir", sagt sie kühl, obwohl sie freundlich lächelt.

Er tritt in ihre Spuren. Er folgt aufmerksam jedem ihrer Schritte, denn er fürchtet, er könnte sie im dichten Gestrüpp aus den Augen verlieren. Die Frau schleicht sich wie eine Katze durch die Büsche des Grünzeugs. Ihre kleine Figur zwängt sich behände durch den schmalen Pfad, den sie offensichtlich gut kennt. Sie ist zwar nicht groß, aber ihr ganz mit buntem Schlangenleder bedeckter Leib ragt in die Höhe, sie hat lange Arme und Beine und eine schmale Taille. Sie bewegt sich geschickt, in der Manier eines Raubtiers, das nach erfolgreicher Jagd in sein Lager zurückkehrt. Manchmal bleibt sie stehen, um auf ihn zu warten, und dann kann er ihren herrlichen Busen bewundern, der wohlweislich unter ihrem Lederzeug verborgen ist.

Unter seinem eindeutigen Blick dreht sie sich wieder um, um dann, verärgert ob seines unschuldigen Flirts, den Aufstieg fortzusetzen. Kurze Zeit später erreichen sie einen Bau ohne Wände, nur mit einem Strohdach. Ringsum wachsen hohe, bereits verblichene Disteln ohne Blüten und ohne Duft. Bevor sie aber eingetreten ist, macht sie vor den vertrockneten Sträuchern Halt und lässt ihn als ersten eintreten.

"Bitte, das ist mein Heim. Geh hier hinein. Diese Tür ist immer geöffnet."

"Ich sehe weder Tür noch Wände."

"Wozu sollte ich mich mit Wänden umgeben? Ich kenne niemanden, vor dem ich mich verbergen müsste."

Er tritt behutsam unter das Dach. Der Geruch nach Aas, vermischt mit dem Duft nach Heu, irritiert ihn. Er blickt nach oben und sieht die getrockneten Schlangenleiber, die an den Balken aufgehängt sind. Er findet es befremdlich, dass sie dort hängen, aber er geht vorsichtig weiter, bis er über etwas Massives auf dem Fußboden stolpert. Er fällt auf den Kadaver eines noch warmen Bullen. Er bekommt einen Schreck und wäre beinahe in Tränen ausgebrochen, wenn ihre Stimme ihn nicht gewesen wäre, die ihn vom Weinen abhält.

"Ich wusste, dass du kommen wirst. Deshalb habe ich ihn geschlachtet, dir zu Ehren. Bis jetzt habe ich mit diesem Bullen gelebt, aber jetzt brauche ich ihn nicht mehr, obwohl es mir eigentlich etwas leid tat. Wichtig ist, dass du jetzt hier bist, bei mir, und nun muss ich dich bewirten, wie es sich gehört."

Er sieht zu, wie sie, ihre Haare nach hinten gestreift, in die glimmenden Kohlestückchen pustet und sie entfacht. Sie stand breitbeinig da, auf ihre nackten Ellenbogen gestützt. Sie hatte schöne Schenkel, feste und gut geformte, hier und da aufgeschürft, ansonsten aber mit einer angenehmen Sonnenbräune. So wie sie sich über die Glut gebeugt hatte, gab sie ihren Busen den Blicken preis, jedes Mal, wenn sie Luft holte, war er, von der Hitze gerötet, ganz zu sehen. Von ihrer unverdeckten Weiblichkeit erregt, verspürte er den geheimen Wunsch, sich an diese wolkenähnlichen prallen Brüste zu pressen.

"Ich habe keine Milch, um dich zu säugen, aber ich werde dir zum Mittag die Hoden zubereiten. Ich habe sie diesem Tier abgeschnitten, es braucht sie sowieso nicht mehr. Ekele dich nicht davor, ich habe sie in Wasser gelegt und ihnen die Haut abgezogen. Jetzt werde ich sie gut abtrocknen und sie in Talg braten."

Er hört das Prasseln des Holzes im Feuer. Er schnuppert die Luft und spürt im Innersten seiner Nüstern den Rauch. Auf dem schwachen Feuer brutzelten die Testikel in dem heißen Kupfergefäß wohlklingend. Er ist todmüde und spürt, dass ihm von dem schweren Geruch des zerlassenen Talgs schlecht wird, deshalb lässt er sich unsicher auf den haarigen Leib des toten Tieres sinken, den Blick noch immer auf den verführerischen Busen seiner freundlichen Gastgeberin geheftet.

 

Sie streichelt ihn mit ihren kühlen Händen. Sie fordert ihn sanft auf aufzuwachen. Sie bittet ihn, die gebratenen Hoden zu probieren. Sie beginnt, sie ihm vorsichtig in den Mund zu schieben, dabei löffelt sie mit ihrem Holzlöffel generöse Portionen, so als wollte sie, dass er alles auf einmal verschlingt.

Es scheint ihm zu schmecken, aber die Stücke lassen sich nur schwer kauen, weil seine Eckzähne, die ihm noch immer wachsen, ihm vorn die Lippe aufreißen. Bis vor kurzem kannte er nur den Geschmack der Muttermilch, deshalb hat er jetzt einige Schwierigkeiten, wenn er etwas herunterschlucken muss. Er war viel zu hungrig, darum kaute er gierig und spürte dabei den Beigeschmack seines eigenen Blutes.

Gegen Ende des Mittagsmahls verspürt er plötzlich neue Kraft, die Müdigkeit, die ihn während seines langen Weges befallen hat, verschwindet auf einmal und wird von einem merkwürdigen Ansturm in der Lendengegend verdrängt. Als fasse ihm etwas zwischen die Beine und hebe sein Glied so an, dass es zu wachsen beginnt und schmerzvoll hart wird. Er verspürt den Wunsch, es mit seinen Händen zu umfassen und es in den Mund zu nehmen, wo er es fest zwischen seine Zähne zwängen könnte. Er betrachtet die Frau, die ihm gegenüber steht, geil. Sie zieht sich langsam aus. Zuerst entblößt sie ihre harten Brüste mit den großen, steil aufgerichteten Brustwarzen, dann ihr Hinterteil, die Hüften, die durch die Rundungen des Beckens und die üppigen Oberschenkel unterstrichen werden. Wie eine Schlange, die aus ihren alten Haut schlüpft. Dann kriecht sie zu ihm und, ohne sich ihrer Nacktheit zu schämen, beginnt sie, ihn nach und nach zu entkleiden, so wie er auf dem Kadaver des geschlachteten Tiers liegt. Er überlässt sich ihren Händen widerspruchslos und, von den Nähe ihres herrlichen Körpers berauscht, bemerkt er nicht, dass sie ihn mit einem Riemen an die Hörner des Bullen gebunden hat.

"Du bist noch so klein und schon so behaart!" bewundert sie ihn, während sie ihm mit ihren kalten Fingern über die Brust streicht, die voller Haare ist, wie von einem Fell bedeckt.

Das irritiert ihn etwas, aber er hat keine Zeit, sich zu schämen, weil sie stark mit etwas Langem ausholt und es genau dort, wo seine Oberschenkel beginnen, niedersausen lässt.

"Fürchte meine Gewalttätigkeit nicht. Ich tue es, weil ich dich liebe. Leid bedeutet Genuss, und Genuss bedeutet Leid. Du bist noch jung. Du verstehst den Sinn meiner Worte nicht, aber ertrage es. Bleib schön folgsam, dann wirst du es selbst begreifen. Hat man dich schon einmal mit dem Penis eines Bullen geschlagen? Siehst du, wie angenehm das ist. Schlage nicht um dich! Hab keine Angst. Jetzt tut es weh, aber nachher wirst du es als angenehm empfinden. Ohne Schmerzen kannst du nicht groß werden.

Sie drischt schonungslos auf seine enthüllten Genitalien ein. Sie schlägt ihn bestialisch mit dem abgeschnittenen Glied, das sie fest in der Hand hält. Von ihrem Spiel begeistert, hat sie sich auf die blau angelaufenen Lippen bis aufs Blut gebissen und prügelt auf seinen wehrlosen Körper ein. Bei jedem folgenden Schlag werden die vor Leidenschaft aufragenden Brustwarzen größer.

"Hast du die Süße des Schmerzes gespürt?" flüstert sie.

Seltsam, aber er empfinden wirklich einen Genuss besonderer Art. Zu Anfang hatte er nur den Schmerz empfunden, der ihn so quälte, dass er nicht wusste, ober ihn ertragen würde, während ihn seine stumpf gewordenen Sinne schließlich dazu brachten, sich von jeglichen Hemmungen zu befreien. Er gibt sich dem Genuss, der seiner körperlichen Schwäche entspringt, vollauf hin. Er stöhnt befriedigt, erfüllt von dem Wunsch, sich von seinem vergänglichen Körper zu befreien, der zu schwach ist, um die Qual, der er ausgesetzt ist, zu ertragen.

Die Frau steht nackt über ihm, mit zerzaustem Haar, sie schlägt pausenlos auf ihn ein, bis sie schließlich, ohnmächtig vor Raserei, erschöpft auf seinen nackten Körper sinkt. Sie liegt dort völlig außer Atem und ohne jegliche Kraft und zittert, so als wäre sie in Trance geraten und käme jetzt allmählich wieder zu sich. Sie schaut ihn bekümmert an, mit tränenfeuchten Augen.

"Du wunderst dich, wer ich bin?" fragt sie, den Kopf tief über ihn gebeugt. "Du kennst mich nicht. Ich bin deine Tante und deine Schwester, aber eigentlich bin ich deine Mutter, weil dein Vater mit mir schläft und nicht mit jener alten Hexe, die sich für deine Mutter hält, nur weil sie dich von einem anderen empfangen hat. Sie hat dich geboren, um mich zu vertreiben. Sie wollte dich ganz allein aufziehen. Da ich nicht deine Mutter sein kann, werde ich wenigstens deine Frau sein. Aber sag zu mir ‘Mutter’! Das hört sich besser an."

Sie kniet vor seinem angeschwollenen Phallus, presst ihn heftig mit ihren kühlen Handflächen und treibt ihre spitzen Fingernägel in sein zartes Fleisch. So hält sie eine Weile ein, wie ein Raubtier, das seine Beute bewundert, bevor es sie tötet. Dann erhebt sie sich, windet sich wie eine Kobra und verschluckt ihn in einem Zug. Mit ihren vollen Lippen fest an ihm saugend, zieht sie sich ruckartig wieder zurück, als wolle sie ihn seiner ureigensten Wurzel entreißen. Er sieht ihre Augen, die bei jedem ihrer Kraftakte aus ihren tiefen Höhlen hervorspringen, im Licht aufblitzen und dann erneut dorthin zurückkehren.

Er spürt die Wärme, die kraft einer brennenden Sensibilität bei jeder Berührung seines Gliedes mit ihrer Mundhöhle in seinen erschöpften Körper fließt, und es wird ihm dadurch schwindlig. Unter dem Ansturm ihrer kraftvollen Stöße, steigt in ihm langsam etwas auf. Heißer Schweiß bricht ihm aus, dann bekommt er eine Gänsehaut. Er hat das Gefühl, dass er gleich ersticken wird. Er stöhnt laut, er wirft sich hin und her, bis er endlich neuer voller Kraft den Riemen zerreißt. mit dem er angebunden war. Er fasst die Frau bei ihren Haaren. Er versucht, sie zu zähmen, weil er die Spannung, die sich in seinen Lenden angestaut hat, nicht mehr länger zurückhalten kann.

Plötzlich hält er inne. Er spürt ein angenehmes Kribbeln in den Testikeln, es verwandelt sich in Schmerz, um eine Sekunde später, als sich seine lebenspendende Flüssigkeit in ihren Mund ergießt, wahren Genuss zu empfinden.

Er liegt erschöpft da, den Rücken an den behaarten Leib des geopferten Bullen gelehnt. Er versucht aufzustehen, um ihren Kopf zu streicheln, aber sie stößt ihn heftig zurück. Bei dieser unerwarteten Grobheit ihrerseits stockt ihm der Atem. Er seufzt, dann holt er tief Luft, und als zu sich kommt, fühlt er, dass er in sie eindringt. Sie hat sein Glied in die Hand genommen und steckt es in ihr behaartes Fleisch. Er dringt heftig ein, fast mit Gewalt, er hört ihren Ausruf, als hätte er sie mit einem Messer durchstochen, danach lässt sie sich auf seinen Brustkorb sinken. Sie hat das Kinn hochgestreckt, die Haare achtlos zurückgeworfen, sie bewegt sich langsam aufwärts und beginnt dann unnatürlich zu beben. Er spürt, wie sein Organ bei der Berührung mit ihrer feuchten Vulva erneut anschwillt. Zu Anfang kratzt ihn etwas, aber nach und nach öffnet sich der Eingang, und er überlässt sich genussvoll den rhythmischen Bewegungen des erregten Frauenkörpers. Wie ein Ertrinkender greift er nach ihren emporragenden Brüsten, alle seine Bemühungen, den Samenerguss aufzuhalten, um den Genuss, dem er ausgesetzt ist, so lange wie möglich in die Länge zu ziehen, sind nutzlos.

Wahnsinnig vor Erregung, ist sie nicht mehr zu bändigen. Sie stöhnt. Sie schreit hysterisch vor Ekstase. Sie sucht verzweifelt nach seinem sprühenden Glied, und mit der ganzen Kraft ihrer so weit wie möglich gespreizten Schenkel, presst sie sich mit aller Leidenschaft auf ihn. Den süßen Schauder, der ihn erfüllte, hatte er als angenehm empfunden, doch dann verspürte er einen brennenden Schmerz am Ende des Rückgrates, dort wo sich die Rückenwirbel in das Fell des toten Tieres krallen. Er hat das Gefühl, dass er unter dem Ansturm der heftigen Bewegungen langsam in dem nekrotischen Gewebe versinkt. Ohne jede Anstrengung auf dem Rücken liegend, betrachtet er schweigend, wie sie unter dem Sinnestaumel leidet, den er selbst ihr bereitet hat, bis schließlich alles vor seinen Augen verschwimmt, die Welt sich im Kreise dreht, es finster wird und sie in der Dunkelheit verschwindet. Als er wieder zu sich kommt, sieht er, dass sein Glied ganz mit Blut beschmiert ist. Er glaubt, das sei vielleicht das Blut des Bullen, das Spuren auf ihren Körpern hinterlassen hat, dabei war es schon seit langem geronnen und konnte ihn gar nicht auf diese Weise beschmutzen.

"Woher kommt dieses Blut?"

"Das ist kein Blut. Das ist etwas anderes", antwortet sie und lächelt betrübt.

"Das ist aber eine Sünde!"

"Na, und?"

Vom Liebesspiel ausgelaugt, verharren sie ohne jegliche Bewegung, mit erschlafften Leibern. Sie liegen zusammengerollt, dicht nebeneinander. Sie blicken sich an und schweigen, um nicht zu verraten, dass beide sich ihrer körperlichen Nähe schämen.

"hasst du mich, mein Sohn?"

"Ich hasse dich."

"Dann hasse mich eben", sagt sie mit zusammengepressten Zähnen, danach lacht sie herzlich und küsst ihn zärtlich auf die Stirn. "Du bist noch so klein und schon ein Gott."

Er sitzt, ohne sich zu bewegen, den Kopf in ihren Schoß gedrückt. Er atmet schwer. Er versucht einzuschlafen, aber der Geruch nach etwas Wildem, den sie ausströmt, erregt ihn. Er zieht die Luft mit offenen Nüstern ein, um den Duft des Aromas zu definieren. Kurze Zeit später hegt er keinen Zweifel mehr. Sie duftet nach wilden Veilchen. Ein Geruch, der berauscht. Er überlässt sich diesem Hauch völlig. Unmerklich versinkt er in Erinnerungen, die ihn zurück in die Vergangenheit versetzen. Er glaubt, zu Hause zu sein, selig entspannt in der warmen Umarmung seiner wirklichen Mutter. Sie streichelt ihn, sie streicht zärtlich über seine ungestümen Locken und wickelt ihn sorgfältig in Windeln, während er zufrieden an ihren prallen Brüsten saugt. Wenn er seine Augen schließt, sieht er das Gesicht seiner Mutter deutlich vor sich, so als befände sie sich hier, neben ihm und schicke sich an, ihm ein Wiegenlied zu singen, doch er hatte sich anstelle ihrer sanften Umarmung dieser seltsamen Unbekannten hingegeben, die sich als seine Schwester und Tante ausgab. Hatte sie wirklich Recht, oder war das nur das aberwitzige Gestammel einer Wahnsinnigen, die sich einbildete, seine Mutter zu sein?

Er saugt ihr Aroma auf, einen schweren, starken, so angenehmen, aber völlig fremden und unbekannten Duft. Er betastet ihre knospenzarten Brüste aufmerksam. Sie wirken wie zwei herabgefallene Tränen, aber sie sind nur ephemerisch, ohne einen Tropfen Milch, die einen beruhigt und ihn tief einschlafen lässt. Und doch sagte ihm ihre Nähe zu, ja, sie faszinierte ihn sogar unabwendbar, ihretwegen wollte er sie ständig besitzen, obwohl sie ihn geschlagen und ihm Schmerzen bereitet hatte, die ihn zum Mann gemacht hatten. Ihre Grobheit schmolz nach und nach dahin, ihre Aggressivität verwandelte sich in Zärtlichkeit, ihr Hass in Liebe, in der er sich geborgen fühlte.

"Du schläfst nicht, Sohn?" hört er ihre Stimme wie ein Nachtgeflüster.

"Ich habe das Gefühl, dass ich nie mehr werde einschlafen können."

"Das hat Zeit, Junge, wir alle werden einschlafen."

Er rührt sich nicht in der Dunkelheit, er will die Töne der Stille hören. Seltsame, Böses verheißende Töne, die aus dem tiefsten Inneren der Nacht kommen und die Sinne auf die Folter spannen.

"Wenn du ein Märchen kennst, erzähle es mir bitte!"

"Gut, Junge, jetzt werde ich dir von der Kälte erzählen."

"Und von der Wärme?"

"Nein, das ist etwas anderes, das ich nicht kenne."

Eine Frau im Mondschein. Sie liegt nackt auf der Seite, direkt auf der Erde. Sein Blick streift über ihren Rücken, er tastet sich über ihr Hinterteil, das rundlich wie der Kamm eines Gebirges ist. Mit der Hand verscheucht er die Motten, um die Silhouette zu streicheln, so wie er es mit einer guten Stute tun würde, bevor er sie zureitet. Er berührt sie vorsichtig mit den Fingern. Sie schläft tief, sie atmet nicht einmal. Er spürt die Kälte auf ihrer glatten Haut und die dünne Eisschicht, die sie bedeckt. Er krallt seine Nägel hinein. Das Eis bricht. Er erhebt sich, um sie mit der Wärme seines heißen Blutes zu bedecken.

Da sieht er den Schatten über ihr, einen schmalen und langgestreckten Schatten, der direkt vom Himmel zu kommen scheint. Er verfolgt ihn, er will herausbekommen, woher er kommt. Auf der Wiese wuchsen nur Disteln, es gab nicht einmal einen Baum, von dem er stammen könnte. Plötzlich begreift er, dass es vielleicht ihre Seele ist, die sie verlassen hat, und hier jetzt nur noch ihr zur Ruhe gekommener Körper zahm neben ihm liegt. Er fasst sie hart an, in der Hoffnung, sie werde aufwachen. Verzweifelt schüttelt er ihre nackten Schultern und küsst ihre erkalteten Augen. Er weint wie ein Kind, das seine Mutter verloren und auf einmal begriffen hat, wie viel sie ihm wert gewesen ist.

Von seinen salzigen Tränen aufgeweckt, schlägt die Frau unwillig ihre müden Lider auf, aber als sie ihn erkennt, lächelt sie liebevoll und schlingt zärtlich ihre Arme um ihn.

"Du bist also nicht tot, Tante?" fragt er unter Tränen.

"Ich habe dir doch gesagt, dass du mich Mutter nennen sollst!"

"Gut, Mutter, aber sieh mal dorthin!"

"Dort ist nichts."

"Woher kommt dann dieser Schatten?"

"Schatten interessieren mich nicht, du interessierst mich!" flüstert sie und klemmt ihn fest zwischen ihre gespreizten Beine, bis er vor Schmerz alles andere vergisst außer der Tatsache, dass er auf ihr liegt.

Über sie gebeugt, sich festkrallend wie eine gereizte Bestie, stöhnt er laut, dreht ihr seinen Kopf zu und beißt tief in ihr Fleisch.

"Warum bereitest du mir Schmerzen?"

"Weil ich dich liebe, aber diesmal wird es auch nicht mehr dasselbe sein."

"Das ist ja gerade das Schöne, dass es nicht dasselbe sein wird, denn wenn es dasselbe wäre, welchen Sinn hätte es dann, mein Kind?"

Er schlummert ein. Er hofft, dass er sich beruhigen wird, um einschlafen zu können. Er kneift die Augen fest zu. Seine Müdigkeit ist so groß, dass er sich nicht von ihr befreien kann. dass er seine Sinne absichtlich dazu zwingen will, sich auszuruhen, ist für ihn eine Qual. Er überlässt sich der Schlaflosigkeit freiwillig, und gerade, als sich sein Bewusstsein nicht mehr sträubt, sieht er im Traum plötzlich ein märchenhaftes Mädchen. Ihre Augen sind strahlend blau, ihr Haar glänzt golden, es fällt wie ein Vlies in Wellen auf den schönen und jungen Körper. Sie hat ein schneeweißes Hemd an, trägt einen grünen Gürtel, und über ihrem Kopf glänzt ein azurblauer Strahlenkranz wie eine Krone. Sie steht auf einem Stapel Lorbeerzweigen, in der Hand hat sie ein Zepter und winkt ihm, näher zu kommen.

"Wer bist du? Ich kenne dich nicht", fragt er ungewollt.

"Eine Göttin auf einem Scheiterhaufen."

Von ihrer göttlichen Schönheit geblendet, steht er irritiert da, ohne ein Wort sagen zu können. Es genügt ihm, dass er sie betrachten kann. Unvermittelt fällt etwas auf seinen nackten Leib. Er öffnet erschrocken die Augen, und das Bild löst sich in der Dunkelheit nach und nach auf. Zwei Kristalle glitzern vor ihm. Eine Katze miaut. Er erkennt die Figur einer schmutzig-weißen Katze, die ihm gegenüber gierig die Zähne fletscht.

"Hab keine Angst", sagt die Frau mit der für sie typischen strengen Stimme. "Das ist meine Katze, früher haben wir beide zusammen geschlafen, deshalb ist sie jetzt böse, aber ansonsten ist sie zahm. Sie ist blind. Ich habe ihr die Augen ausgestochen und an ihrer Stelle Diamanten eingesetzt. Ich habe sie dort versteckt, damit ich sie nicht verliere, damit kein Lump sie stehlen kann.

Die Katze dreht sich lethargisch um. Auf seinem Magen spürt er die weichen Kissen ihrer kühlen Pfoten, danach springt sie behände hinunter, ohne ihn zu kratzen, und rollt sich zwischen ihren Brüsten zusammen wie ein Ball. Die Frau streichelt zärtlich ihr glattes Fell, sie schnurrt zufrieden und leckt mit ihrer rosafarbenen Zunge die Warze der nackten Brust.

"Jetzt werde ich dir ein Märchen erzählen, aber du darfst dich nicht fürchten, das alles ist mit mir geschehen. Vor langer, langer Zeit, als es dich noch nicht gab und Mutter mich sehr liebte, weil sie niemanden anderes hatte, für den sie sorgen konnte. Damals war ich noch ein Kind und spielte auf den nackten Hügeln.. Dort, in den Felsspalten, fühlte ich mich geborgen vor ihrer aufdringlichen Anhänglichkeit. Du weißt ja, wie lästig sie wird, wenn sie sich um etwas Sorgen macht. Deshalb versteckte ich mich in den Grotten, wenn sie mich suchte, und hörte, verborgen in meinem Schlupfwinkel, wie sie mich mit ihrer schrillen Stimme besorgt rief. So ist Mutter nun einmal, eine Hure, die mich aufgezogen hat, damit ich an ihrer Stelle leide."

Sie streichelt die Katze noch immer so methodisch, aber plötzlich hebt sie sie am Hals hoch und wirft sie grob in die Nacht.

"Eine freche Katze", bemerkt sie und setzt ihre Geschichte fort. "Mach dir nichts daraus. Glaub mir, es ist so wie ich es erzähle. Damals liebte auch ich sie sehr, genau wie du. Deshalb versteckte ich mich, um sie zu ärgern. Ich wollte ergründen, ob ich ihr fehlen würde, und verbarg mich irgendwo, bis sie schließlich anfing zu weinen. Als ich eines Tages wieder einmal in einem Loch im Fels saß, erblickte ich ein Knäuel Schlangen. Ich stocherte mit einem Stock darin herum, schließlich löste sich das Knäuel auf, und auf der Erde blieben zwei große, funkelnde Diamanten zurück. Sie gefielen mir, deshalb nahm ich sie mit, um mit ihnen zu spielen. Ich zeigte sie nicht einmal Mutter, damit sie sie mir nicht wegnahm. So behielt ich sie, bis zum heutigen Tag. Du fragst dich sicher, wer sie mir fortnehmen könnte? Jeder, vor allem du, der du ohne einleuchtenden Grund zu mir gekommen ist, ich aber weiß, dass sie es ist, die dich hierher geschickt hat."

Sie stützt sich auf die Ellenbogen, als befürchte sie, jemand könnte sie hören, und setzt ihren Monolog fort.

"Wenn ich jetzt nachdenke, habe ich das Gefühl, zu wissen, wie sich jene Halsabschneider aus dem Gefängnis befreit haben, allen voran der, vor dem du dich verbirgst. Einst fanden die Zuchthäusler Diamanten im Steinbruch. Damit haben sie die Wächter bestochen, und die Verwaltung haben sie abgeschlachtet. Seitdem treiben sie sich im Gebirge herum und flößen überall, wohin sie kommen, Schrecken ein, schließlich waren sie so gefährlich geworden, dass man einen Baschibosuken* nach dem Kopf deines Vaters ausgesandt hat. Sie haben ihn lange gesucht, bis er sich ihnen am Schluss selbst ergeben hat. Das weiß ich, weil er kurz zuvor nach Hause gekommen ist, damals haben wir zum ersten und letzten Male zusammen geschlafen. Er war gekommen, um Mutter zu sehen, doch dann hat er mich meiner Mutter vorgezogen. Er hat mich entjungfert und dann gesagt: ‘Gib mit die beiden Diamanten!’ Hätte er sie vorher von mir verlangt, hätte ich sie ihm sicher gegeben, aus Angst, hinterher aber verspürte ich einzig Hass auf ihn. Ich hatte gedacht, dass er mich besitzen wollte, dabei stand ihm der Sinn nach etwas ganz anderem. Trotzdem liebe ich ihn anscheinend immer noch, und jetzt bist du mein Trost. Unser Kind. Es macht nichts, dass dich ein anderer gezeugt und meine Mutter dich zur Welt gebracht hat. Du bist und bleibst die Frucht meiner Liebe."

Sie steht auf, geht zur Feuerstelle und legt neue Holzkloben auf. Sie nimmt etwas Langes in die Hand, es ähnelt einer Locke. Sie nimmt es in den Mund, dann zündet sie das andere Ende mit einem Holzspan an. Sie inhaliert nervös. Das Flämmchen in der Wasserpfeife leuchtet im Dunklen auf. Sie geht an ihren bisherigen Platz zurück. Sie setzt sich langsam. Sie ist einsam, umgeben von Wolken dichten, blauen Rauchs, die Beine hat sie fest an den Leib gezogen, ihr Kinn stützt sie auf die Knie. Am brennenden Feuer, vor dem die Linie ihres Rückgrates gut zu sehen ist, sitzt sie gekrümmt wie eine Katze, sie raucht tief in Gedanken versunken, über die sie nicht spricht.

Er nähert sich ihr vorsichtig, er will ihr Haar streicheln, um sie abzulenken, indem er sie daran erinnert, dass er bei ihr ist. Er fährt mit seinen Fingern durch ihre wirren Haarsträhnen. Sie regt sich nicht. Sie wirkt angespannt, als erwarte sie einen Krampf.

"Rauche nicht, merkst du nicht, dass dir schlecht wird?"

"Das kommt vom Rauch. Ich ziehe ihn ein, bis er mich ganz ausfüllt und ich einen Orgasmus bekomme."

"Aber das ist doch abgeschmackt!"

"Na und?"

"Frau zu sein muss furchtbar sein?!"

"Ja, so ist es."

 

Sie horchen in die Stille. Außer dem Rauschen des Flusses sind keine anderen Geräusche zu hören. Er fließt irgendwo in der Ferne, im Tal, aber seine Stimme ist stark wie ein Donnern, das aus dem Erdinneren kommt. Er tost beängstigend, als trieben auf ihm die Leiber der Ertrunkenen, die auf dem Weg ins Jenseits stöhnend um Hilfe bitten. Sie lauschen dem Ruf des Echos, das die Stille aus dem Flussbett verdrängt hat. In der Erwartung etwas Bevorstehenden schmiegen sie sich aneinander. Die Ungewißheit macht ihnen Angst, aber dadurch kommen sie sich näher, ihre Körper suchen sich tastend in der Dunkelheit und vereinigen sich ungewollt.

Da häufen sich auf ihnen Frösche. Große, räudige Frösche mit Warzen auf der Haut, so kleben sie an ihren unbekleideten Organen. Sie starren sie mit großen Augen an, als wollten sie unbedingt an diesem Akt teilhaben. Ihre Froschmäuler sind tonlos aufgerissen, sie quellen von der Wärme des aus ihrem Körpern austretenden Sekrets an, sie stoßen sich mit ihren spatenförmigen Extremitäten ab, um den nach ihnen Herbeikriechenden Platz zu machen.

"Komm ans Feuer, Junge! Sie fürchten die Hitze", schreit sie und zieht ihn verbissen an der Hand zum Kreis um die Glut.

"Was sind das für Wesen?"

"Du siehst es doch, Frösche. Sie kommen immer, wenn schlechtes Wetter bevorsteht."

"Woher kommen sie? Es sind so viel, dass mir alles hochkommt."

"Ich weiß es nicht. Sicher weil die Störche weggeflogen sind." Die Frau greift nach ihnen und fasst einen Frosch am Fuß, betrachtet ihn voller Ekel und schleudert ihn dann ins Feuer. "Wie widerlich sie sind! Wo ist meine Katze geblieben?! Wenn sie mich beschützen soll, ist sie nie hier."

 

Die Nacht vergeht. Zusammen mit ihr verschwinden auch die Frösche. Sie entweichen wie nächtliche Reisende, die keine Erinnerung hinterlassen, sondern nur eine diffuse Melancholie, welche einen ohne Grund erfüllt und ihn am Sinn seiner Existenz zweifeln lässt. Es ist Tag, doch die Sonne, verhüllt in dichte Wolken, die wahrscheinlich dem Innersten der Hölle hinter dem Gebirgskamm entstiegen sind, lässt sich nicht blicken. Ein Schwarm Krähen durchquert den Himmel lautlos, um dem beginnenden Gewitter Platz zu machen. Ein Blitz zerteilt die Stille und verschwindet ziellos irgendwo im Abhang. Es beginnt zu regnen. Schwere Tropfen, groß wie Weinbeeren, schlagen auf die Erde. Der Boden saugt sie durstig auf, bis er schließlich völlig durchnässt ist und sich in dünnflüssigen Schlamm verwandelt.

Sie sitzen unter dem Vordach im Trockenen und sehen mit ihren vor Schlaflosigkeit geschwollenen Augen teilnahmslos zu, wie sich die Wolken langsam ausbreiten und aus ihnen unweigerlich dichter, klebriger Nebel wird. An seine Schulter gelehnt, streckt sie ihre Hand zum Feuer aus, rafft eine Hand voll Glut zusammen und verbrennt ihm damit den Hals. Er springt auf. Der Schmerz des verbrannten Fleisches jagt ihn hinaus, wo ihn der Regen bespritzt. Die Frau lacht übertrieben laut, die Zähne fest zusammengepresst.

"Was starrst du mich an?" sagt er schroff. "Steh nicht so herum, sondern schick die Schildkröten auf die Weide. Ruf sie mit dieser Pfeife, sie ist aus einem Storchenbein geschnitzt."

Sie streckt ihre feingliedrige Hand aus, mit ihren langen Fingern hält sie vorsichtig einen dünnen Knochen fest, der wie eine Ahle aussieht. Sie steckt ihn in den Mund, und pfeift leise, fast tonlos. Aus dem Nebel kommen die Schildkröten, eine nach der anderen. Sie schütteln den Kopf schweigend und rhythmisch, ihre vom Alter faltigen Hälse vorgestreckt, und bilden einen Kreis um die Pfeiferin.

"Siehst du? Sie sind mit dir zufrieden. Dein Lied gefällt ihnen. Das ist meine Herde, und du bist ihr Hirt." Sie atmet tief ein, um etwas mehr Luft aufzusaugen, durch die von draußen eingedrungene Feuchtigkeit ist sie im Raum rar geworden. "Ich habe ihre knochigen Zellen mit grellen Farben angestrichen", sagt sie mit ihrer rauen, rauchigen Stimme und weist schlaff auf die Schildkröten. "Ich tue das, damit ich sie sogar dann unterscheiden kann, wenn der Nebel dichter als Milch ist."

Die Frau streckt sich gelangweilt aus und schließt ihre Augen verächtlich. Sie erinnert ihn an eine Katze, die sich gemütlich am Feuer zusammengerollt hat.

"Jetzt kommt zu mir ins Warme. Lass sie draußen in Ruhe weiden", sagt sie im Halbschlaf, und der nackte Körper erstarrt neben der schwelenden Glut wie eine Mumie.

Vor körperlicher Schwäche ähnelt er einem Skelett, er liegt auf der Seite und wärmt seinen durchnässten, von der Liebe jedoch ausgetrockneten Leib auf. Er liegt dort und stellt bereitwillig seine Schamteile zur Schau. Er betrachtet sein Glied, das unter der Wirkung seines Blickes langsam anschwillt und im Vergleich zu seiner kindlichen Statur solche Ausmaße annimmt, dass es von weitem einem riesigen, vernunftbegabten Phallus ähnelt.

"Schlechtes Wetter. Schlechter als gestern, als es den ganzen Tag regnete und es schließlich dunkel wurde, und heute ist es gar nicht erst hell geworden", vermerkt sie, ihr Kinn liegt auf den sich deutlich abzeichnenden Rippen seines Brustkorbes, während sie ihre Adlerkrallen mit einem Messer beschneidet und daraus in seiner eingefallenen Nabelsenke sorgfältig ein Häufchen macht.

"Wozu brauchst du sie?" fragt er, nachdem er die Spannung in seinem erregten Körper nicht ohne Anstrengung überwunden hat.

"Das sind meine Zeichen. Wenn ich eines Tages gestorben sein werde, wird man daran erkennen können, wie lange ich gelebt habe, so wie wir das tun, wenn wir den Panzer einer Schildkröte finden."

Die Frau streicht die abgeschnittenen Nägel gewandt mit den Händen ein. Sie öffnet den Deckel einer in der Erde versenkten Schatulle. Sie lässt sie gewissenhaft hineingleiten, als streue sie Samen aus, danach winkt sie ihn mit einer geilen Geste herbei.

"Komm, ich will dir etwas zeigen!"

"Ich kann nicht."

"Warum kannst du nicht, Sohn?"

"Ich kann mein Glied nicht anheben. Es ist einzig und allein mir zugänglich."

"Du bist ein böser Junge", entgegnet sie ironisch und droht ihm voller Verständnis mit dem Finger.

 

Sie liegen zusammen, nebeneinander und lauschen, wie der Regen tröpfelt. Die Frau hat ein dickes Buch mit hölzernen Deckeln und ledernem Einband in der Hand und blättert systematisch in den Pergamentseiten. Der Junge bemüht sich einzuschlafen, doch die Geräusche von ihren Bewegungen hindern ihn daran, sie machen ihn unruhig, dabei ist er ohnehin schon nervös von der Schlaflosigkeit. Er streicht aus Gewohnheit über ihre glatten Schenkel, sie aber presst seine Hand stark und gibt ihm zu verstehen dass sie das als unangenehm empfindet.

"Hör auf, du störst mich beim Lesen!"

"Aber, Tante, du kannst doch gar nicht lesen!"

"Gerade deshalb, Sohn!" antwortet sie verärgert und schiebt seine Hand weg.

Er fühlt sich erniedrigt. Auf solche Weise ihn hatte sie nie zuvor abgewiesen, jetzt aber hat sie es getan. Mit Absicht, damit er sich dessen geniert, dass er ein Mann geworden ist. Er erhebt sich wie ein gereiztes Tier, dem man die Beute gestohlen hat. Er will ihre Tat begreifen, aber er ist übermüdet von der unentwegten Unzucht mit dieser Frau, die ihn in das Geheimnis des süßen Schmerzes eingeweiht hat. Gepeinigt von dem Wunsch, ihn immer wieder von neuem zu spüren, konnte er nicht mehr schlafen. Sie, die ihm den Weg zur Erkenntnis gezeigt hatte, überließ ihn jetzt ganz allein seinen Martern in der Welt seiner Träume.

Unmerklich gleitet er in die Ferne, in Dimensionen, die er nicht kennt, und sieht wieder jenes schöne Mädchen, das noch immer so einsam auf dem Scheiterhaufen aus Lorbeerkränzen steht. Sie ist noch dort und imponiert ihm mit ihrer glanzvollen Schönheit, wie ein Stern in der Nacht. Er will sich ihr nähern, um das aus ihren goldblonden Locken kommende strahlende Leuchten zu berühren, doch er stolpert und fällt ihr zu Füßen.

"Du bist zurückgekommen", lächelt sie freundlich.

Er rafft sich unsicher auf. Er kniet vor ihr. Er hebt beklommen seine Augen und sucht nach ihrem klaren Blick.

"Was machst du auf diesem Scheiterhaufen?"

"Ich denke nach."

"Worüber?"

"Wie ich ihn anzünden kann. Wenn du Feuer hast, tue es, ansonsten geh lieber fort!"

"Das kann ich nicht tun", entgegnet er besorgt, sein vor Aufregung trocken gewordener Mund schluckt durstig.

"Warum?"

"Weil ich dich liebe."

Er verspürt die bekannten heißen Wellen, die ihn vor dem Anfall durch den Zustrom der Manneskraft überlaufen. Er stellt sich auf die Zehenspitzen. Er versucht, sie zu berühren. Es gelingt ihm, sie festzuhalten. Sie bittet ihn unter Tränen fortzugehen, aber er hat ihre Waden fest in der Hand. Er zieht sie zu sich. Er schüttelt ihren herrlichen Körper auf den Lorbeerzweigen. Er schlägt ihr duftiges Hemd hoch. Er entblößt ihre glänzenden Schenkel. Er schiebt sie wie Flügel auseinander und dringt mit der ganzen Wucht in sie ein, die sich unhaltbar im Innersten seines riesigen Geschlechtsorgans angestaut hat. Er zerreißt sie wie mit einem Krummsäbel, und als er in ihre vor Schmerz erstarrten Augen blickt, entdeckt er dort das entstellte Bild seines gequälten Gesichts.

Da hört er, wie irgendwo neben ihm die Zweige im Feuer prasseln, an seinen ausgestreckten Extremitäten spürt er die Wärme. Seine Nase nimmt den Geruch nach Versengtem wahr. Er reibt sich die schläfrigen Augen. Er sieht im Großformat, wie die Fußsohlen der Frau nackt über die Glut streifen.

"Was tust du?" fragt er verblüfft.

"Ich lösche das Feuer, weil ich die Asche brauche. Ich werde sie mit Lehm vermischen, um sie an die Tür zu kleben. So schreckt man die Wölfe ab, die kommen, wenn der Fluss vor Kälte zufriert."

"Aber dieses Haus hat doch gar keine Türen!?"

"Wieso, siehst du sie nicht, ich habe sie fest verrammelt, weil sie schon ganz in der Nähe sind. Ich wittere den Geruch jenes Einzelgängers, der vor allen anderen hier sein wird."

Die Frau blickt zum Himmel und tanzt auf der schwelenden Glut. Ihre Fersen zerwühlen wütend die sengenden Glutstücke. Funken sprühen. Die Erde dampft. Ihre Füße bewegen sich geflechtartig, als zeichneten ihre Schritte auf die Schnelle irgendwelche geheimnisvollen, sakralen Zeichen. Sie erhebt sich langsam aus der Wärme wie eine Priesterin, die ihren Körper zum Opfer gebracht hat.

Er verspürt einen schneidenden Schmerz in seinem Magen, er schreit mit aller Kraft, um die Hürde ihres Mysteriums zu überwinden:

"Ich habe Hunger!"

Im Rausch ihrer Levitation scheint sie ihn nicht zu hören, deshalb überrascht es ihn, als sie ihm durch den Rauchvorhang antwortet:

"Hole dir Schlangen von der Zimmerdecke, weil der Kadaver des Bullen verwest ist." Ihre Stimme klingt gedämpft, als könnte sie jeden Augenblick verstummen.

Er streckt sich und holt eines der über ihm hängenden Kriechtiere von der Decke. Voller Ekel sieht er sich den vertrockneten, dörrfischähnlichen Körper an und beißt mit seinen scharfen Zähnen gierig hinein.

"Hast du keinen Hunger", fragt er, um das unangenehme Gefühl, dass er ein Kriechtier isst, zu vertreiben.

"Ich ernähre mich mit dir, Sohn", sagt sie mit einer ihm unbekannten, dröhnenden Stimme.

Im Feuerkreis ist ihre grässliche Figur gut zu sehen. Sie ist versengt, mit Ruß bedeckt, in Rauch gehüllt, sie steht da und starrt mit Augen voller funkelnden Flammen vor sich hin. Er ist entsetzt über ihr furchtbares Aussehen und entfernt sich von ihr rückwärts, aber vor Schreck sind seine Beine weich geworden, sie knicken ein, und er sackt regungslos auf den Boden. Am Ende des Rückgrates verspürt er einen schneidenden Schmerz. Wie ein Wurm dreht er sich zur Seite und tastet nach der Stelle, die ihm weh tut. Er stellt fest, dass ihm ein Schwanz gewachsen ist.

"Hast du mit ihr geschlafen?" hört er ihre strenge Stimme.

Erschrocken vergisst er seinen Schmerz umgehend.

"Ich verstehe deine Worte nicht."

"Ich frage nach der Waldfee aus deinem Traum."

"Ich dachte, dass es nur ein Traum gewesen sei!"

"Was hast du ihr angetan?"

"Ich habe sie vergewaltigt."

"Warum hast du ihr so einen Schmerz zugefügt?"

"Weil ich sie liebe."

Nach diesem Bekenntnis erstarrt sie, ihre Gesichtszüge werden nach und nach weicher und nehmen jene traurige Miene einer betrogenen Frau an, die bereit ist, ihm diesen Treubruch zu verzeihen, trotz des Zorns wegen ihrer enttäuschten Gefühle. Im Namen der Liebe, die sie unterdrückt hat, indem sie sie hinter ihren zügellosen Leidenschaften verbarg.

"Wenn du sie wirklich liebtest, hättest du sie mit keinem Finger angerührt."

"Und was soll ich mit meiner Manneskraft anfangen?"

"Ich bin doch bei dir."

"Aber sie wird mich verlassen!"

"Um so besser. Dann hat sie deine Liebe eben nicht verdient." Sie streichelt ihm zärtlich die Haare, und er überlässt sich versöhnt ihrer Umarmung.

Ihre Körper liegen in einer Liebesschlinge vereint, sie sind entkräftet von dem wechselseitigen Spiel in der langen, regnerischen Nacht. Sie können sich nicht voneinander lösen, deshalb zittern sie vor Kälte und entflechten auf diese Weise von Zeit zu Zeit ihre von der Feuchtigkeit zusammenklebende Haut. Sie versuchen, sich zu bewegen, aber die Nacht, die unter dem Druck ihrer eigenen Sintflut dageblieben ist, drückt sie fest auf die Erde. Sie horchen. Sie hören, wie der Regen draußen gießt und nach und nach zum Fluss hinabfließt, wo sich die Frösche auf den Panzern der ertrunkenen Schildkröten eingerichtet hatten. Die Frau streicht träge über sein Rückgrat, um ihm Wärme zu geben, er aber ist nach wie vor besorgt und reagiert nicht einmal auf ihre Zärtlichkeit.

"Denk nicht an sie! Die Liebe ist nichts als Schmerz, Sohn."

"Ich kann nicht anders. Sie hat mir etwas gesagt, das ich nie vergessen werde."

"Was?"

"Dass ich zu denen gehöre, die aus Versehen zur Welt gekommen sind."

"Ein Bastard? Nein... Du bist mein Sohn und ein Kind des Teufels."

"Wächst mir deshalb ein Schwanz, Mutter?"

Er liegt und hat dabei sein Kinn auf den Ursprung ihres Busens gestützt, vor seinen Augen ragen die Spitzen ihrer Brustwarzen auf. Er sieht, wie sie plötzlich zusammenschrumpfen und in diesem ungewöhnlichen Zustand verbleiben.

"Glaub meinem Gebrabbel nicht."

"Du hast dich als meine Mutter ausgegeben, und jetzt behauptest du etwas anderes."

"Kann ich deinen Schwanz sehen?" sagt sie zaghaft und lässt ihre Hand hinuntergleiten, wobei sie den behaarten Auswuchs betastet. "Wie schön er ist!" seufzt sie und breitet ihn vorsichtig mit ihrer geballten Hand aus, dabei lacht sie laut.

"Hör mit diesem Gelächter auf! Sag mir, wer ich bin!"

"Ich weiß nur, was ich sehe.

 

Aus der Finsternis kriecht Feuchtigkeit hervor, sie umfängt ihre durchnässten, mit Schimmel bedeckten Körper wie ein Mantel. Sie zerfrisst ihr Fleisch von innen, verwandelt sie in Aas, das sich schnell zersetzt, und vereint sie in einer diffusen Masse.

"Ich weiß selbst nicht, was mir an dir gefällt. Bist du es, oder ist es das, was du zwischen deinen Schenkeln verbirgst?"

"Sei kein Dummkopf. Du weißt doch, dass das alles ist, was ich besitze", antwortet sie mit einer Stimme, die aus dem Erdinneren zu kommen scheint.

Sie drückt seinen Kopf nach unten, an ihren Bauch. Seine Wange verschwindet in ihrem weichen Fleisch. Sein Ohr horcht nach ihrer anatomischen Integrität, um das Stöhnen ihres Herzen zu vernehmen. Er meint, so etwas wie ein Dröhnen zu hören. Er saugt seine ganze Spucke auf und leckt zärtlich die kleine Öffnung, die Bauchnabel genannt wird. Er horcht von neuem auf, aber diesmal hört er drinnen nur ein dumpfes Glucksen. Er blickt sie an, um zu erfahren, ob sie etwas dagegen hat, wenn er sie küsst, doch sie ähnelt einer stummen, leblosen Statue mit aufgerissenem Mund. Nach ihrem ausdruckslosen, ins Jenseits gerichteten Blick zu urteilen, könnte man meinen, sie sei tot, deshalb erhebt er sich und fragt, wie es ihr geht.

"Ich träume", antwortet sie.

"Wovon?"

"Schön zu sterben."

"Und ich träume von einem schönen Tod."

Bei diesen Worten erscheinen in der nächtlichen Dunkelheit zwei Bündel strahlenden Lichts und blenden ihn. Er wundert sich, woher sie kommen. Eine Dämmerung hatte es nicht gegeben, aber die Dunkelheit war undurchsichtig geworden. Mit zugekniffenen Augen sucht er in der Dunkelheit die Quelle des flimmernden Lichtes. Vor sich erkennt er den Leib der Katze, die ihn mit ihren Diamantenaugen prüfend betrachtet. Er streckt die Hand nach ihr aus, betastet ihr weiches, weißes Fell, das sich bei seiner Berührung sträubt. Sie läuft nicht weg. Sie gestattet ihm, dass er ihren Hals mit seinen Fingern umfasst. Er versucht, sie enger an sich zu ziehen, aber sie schlägt ihre Zähne tief in sein Fleisch und bemüht sich, seine Hand fortzuschleifen. Von ihrer tierischen Kraft überwältigt, stürzt er draußen und spürt, wie zwischen den Rippen seines aufgedunsenen Brustkorbs Wasser fließt.

"Der Fluss wird uns noch fortschwemmen!" ruft er der eingeschlafenen Frau zu.

"Hab keine Angst. Es regnet nicht mehr."

Er blickt sich um und sieht, dass die Sonne hinter dem Gebirgskamm ihrer Hüfte tatsächlich durch die Wolken bricht.

Er folgte dem Fluss. Der schrumpfte zusammen wie eine Schildkröte, die ihren Panzer verlassen hatte, um die Welt hinter sich herzuziehen. Der Junge fürchtete, er könnte ihre Spuren und auf diese Weise den Weg zurück, zu seiner Vergangenheit verlieren. Deshalb rannte er hinter ihr her, bis zu den Knien im Schlamm versunken, in der Hoffnung, der Fluss würde sich bändigen und schließlich auf der Stelle bleiben. Doch er entwand sich ihm immer mehr und verlor sich im Schoß der Erde. Von den Fußstapfen der Frösche geführt, kroch er im Matsch durch das Gestrüpp von entwurzelten Wasserlilien und Baumknorren. Er schleppte sich wie ein Wurm voran, um dorthin zu kommen, wo er hinkommen wollte, aber er tat das nun mit dem Selbstbewusstsein eines Mannes, der die Pein seiner fleischlichen Substanz erkannt hatte. Er unternahm verzweifelte Versuche, sich vom Schlamm zu befreien, er schlug mit Armen und Beinen um sich, wie ein Tausendfüßler, den jemand getreten hatte, aber auf diese Weise versank er nur unweigerlich weiter in seinem eigenen Abdruck, den die heißen Strahlen der gebadeten Sonne festbuken. Aus dem Ton entstand nach und nach um ihn herum eine schalenähnliche Form, sie machte aus dem aufgeschwemmten Leib einen Dörrfisch, übergossen von etwas Magmaähnlichem.

 

Etwas schabte an der Erde, die auf seinem Rücken eine Kruste gebildet hatte. Es schuppte ganze Stücke ab und bereitete ihm dabei starke Schmerzen, wenn es den mit seiner behaarten Haut verklebten Grind entfernte.

Er tat so, als atme er nicht. In diesem maßgegossenen Mantel fühlte er sich wohl und wollte nun seine eigene Hülle nicht verlassen. Der obere Teil seines gemarterten Körpers war in der Tat zu einer Art Sonnenschutzkissen zusammengeschrumpft, aber unten, wo sich seine Weichteile befanden, war es schattig feucht, wodurch sein ganzer, jeder Bewegung beraubter Organismus gekühlt wurde. Bis zum Hals im Schlamm versunken, fühlte er sich wohlig. Während er darauf wartete, dass der Fluss über seine Ufer trat und seine Leiche nach Hause brachte, konnte er sich richtig entspannen, doch jetzt fassten ihn irgendwelche Hände unter das Kreuz und zogen ihn kraftvoll aus der Erde, als sei er eine Pflanze.

Sobald sich seine Augen an das Licht gewöhnt hatten, sah er, dass ihn ein breitschultriger, stämmiger Mann festhielt, der ihn mit porengroßen, zugekniffenen, ausdruckslosen Augen beobachtete. Sein ganz mit Falten besätes Gesicht war von einem weißhaarigen, bürstenähnlichen Bart bedeckt, der den massiven Unterkiefer und die Narben auf dem Hals bedeckte.

Er holte nur schwer Luft, und doch gelang es ihm, den Mann mit seiner verkümmerten, wie brechende Knochen klingenden Stimme zu fragen:

"Wohin trägst du mich?"

"Nach Hause."

"Warum?"

"Ich bin dein Vater."

"Hast du mich deshalb aus der Erde ausgegraben, um mich zu vernichten?"

"Mir der Zeit beginnt der Mensch, jene zu lieben, die er hasst, und jene zu hassen, die er geliebt hat."

"Du wirst mich nicht töten?"

Der Mann schüttelte verneinend den Kopf und drückte die Mumie zärtlich in seinen Schoß.

"Ich verstehe dich nicht, Vater."

"Du bist mein Gewissen, Sohn!"

Samothrake, 1995

 


* Angehöriger des irregulären türkischen Heeres, Räuber, Bandit. [back]

 

 

© Christo Saprjanov
© Aus dem Bulgarischen von Barbara Müller
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© E-magazine LiterNet, 30.08.2006, № 8 (81)

Publication:
Lihtungen, Graz (Austria), 2003.