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WAHL UND VERWANDTSCHAFT IN DER BEGEGNUNG MIT GOETHE

Vladimir Sabourin

web

Sehr geehrte Damen und Herren!

Mein Referat umfasst den Zeitraum von meinem ersten Studienaufenthalt in Weimar als Stipendiat der Goethe-Gesellschaft im Sommer 1996 bis zum Abschluss meiner Habilitationsschrift zum spanischen Schelmenroman im Winter 2006. Mein Zugang zu Goethe vor knapp zehn Jahren war ein romanistischer: das Faust-Fragment des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa. Ich habe es im Rahmen des beiden Dichtern gemeinsamen hermetisch-mystischen Traditionszusammenhangs untersucht. Dieser Ansatz erwies sich als weiterführend, indem er die Wahl meines nächsten Forschungsvorhabens, mit dem ich 2004 zum zweiten Mal nach Weimar kam, bestimmte: Walter Benjamins theologisch motivierte Deutung von Goethes Wahlverwandtschaften. Sowohl Pessoas als auch Benjamins Goethe-Lektüre ist gekennzeichnet durch eine tiefgreifende Identitätskrise und -suche des assimilierten Judentums vor dem Hintergrund der destruktiven Aufkündigung der sozialgeschichtlich einzigartigen kulturellen Synthesen zwischen jüdischen und iberischen bzw. deutschen Elementen in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Unter den Bedingungen einer unübersichtlich fortschreitenden Zerstörung der gemeinsamen Lebenswelt gab Goethe einen Halt, den in Zeiten des Schreckens vielleicht nur die Weisheit, die der Zerstörung standhält, geben kann. Leider Gottes ist Weisheit, wenn es überhaupt dazu kommt, eine Alterserscheinung, die dann einer immerwährend jungen Moderne zu vermitteln wäre. Beim Literaturunterricht gehört diese Paradoxie zum Alltag, der im Fall Goethes besonders frustrierend sein kann. Andererseits gehört Frustration - „Entsagen“ - unumgänglich zur Weisheit, die nur unter dieser Voraussetzung in den Text ein- und ins Leben entlässt. Dieser Weg soll im Folgenden anhand einer offensichtlich wiederkehrenden Beschäftigung mit Goethes Wahlverwandtschaften vor dem Hintergrund meiner Weimarer Stipendiatenerfahrungen beschrieben werden.

Wenn das Kunstwort „Wahlverwandtschaft“ schon an sich oxymoronisch gebildet ist, indem es zwei einander widersprechende Begriffe zu einem höchst ungleichen Liebespaar zusammenbringt, so wird es vollends schillernd, wenn man den dazugehörigen Faktor des Zufalls berücksichtigt. Im Roman Wahlverwandtschaften experimentiert Goethe mit zwei sich gegenseitig ausschliessenden Weltbildern unter der für die Moderne konstituierenden Erfahrung einer letztendlichen Weltkontingenz. Das widerspruchsfreie Zusammendenken von Wahl und Verwandtschaft ist nur unter der Voraussetzung einer mystischen coincidencia oppositorum möglich, die auf das Wiedererwachen der nebeneinander ruhenden Liebenden beim Jüngsten Gericht verwiesen ist. Im Rückblick auf den zurückgelegten Weg darf ich vielleicht bekennen, dass bei meiner ersten Bewerbung nach Weimar der Zufall und das leitende Interesse an der hermetisch-mystischen Dimension von Goethes Werk den Ausschlag gaben - also Beweggründe, die ich mittlerweile eher auseinanderhalten würde. Im Roman werden sie jedenfalls - aus meiner jetzigen Sicht - konsequent auseinandergehalten, um sie dann erzähltechnisch desto unheilvoller zur Deckung zu bringen. Das den Märtyrerdramen von Calderón de la Barca strukturell nachgebildete nüchtern erbarmungslose Finale des Romans zieht die herb-entsagende Konsequenz aus dem Wahn, unter den Bedingungen der Moderne, d.h. unter den Bedingungen einer nichthintergehbaren Kontingenz, die von Grund aus feindlichen Wertreihen der Wahl und der Verwandtschaft quasimysterienhaft zu verschlingen.

Gerade der erbarmungslos nüchterne Opfergang des Schlusses der Wahlverwandtschaften drängt auf eine differenziertere Auseinandersetzung mit der mystisch-mythologischen Erbmasse, die der Roman in einer so beeindruckenden Weise mobilisiert. Mythologie ist die Sphäre der allgegenwärtigen und kapillarisch durchdringenden Verwandtschaftsbeziehungen. Den harten Kern des Mythos bildet die Genealogie, d.h. die Abstammungs- und Verwandtschaftslehre. Im Falle von Goethes Roman legt sie eine Zuordnung der entsprechenden imagologischen, thematischen und erzähltechnischen Elemente zum Bereich des Mythischen nahe. Die positive zeitgenössische Reaktion der Romantiker auf den Roman beinhaltete bereits eine implizite Feststellung und zustimmende Anerkennung dieser Zuordnung. Die kritische Reflexion derselben wurde jedoch erst Anfang der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts in der Auseinandersetzung mit dem Erbe der Romantik im Vorfeld des Nationalsozialismus bei Walter Benjamin nachgeholt. (Es ist wohl kein Zufall, dass Benjamins Doktorarbeit über den Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik und Carl Schmitts Politische Romantik 1919 gleichzeitig erschienen sind.) Erst die politische Virulenz der romantischen Mythoskonzeption in der Weimarer Republik rückt den mythischen Bereich des Wahlverwandtschaften-Romans in den Brennpunkt der Interpretation.

Wenn der nichtreduzierbare Zufall und das vorerst vage Interesse an der hermetisch-mystischen Dimension von Goethes Werk bei meinem ersten Weimar-Aufenthalt den Ausschlag gaben, verdichteten sich in der folgenden Beschäftigung mit dem Wahlverwandtschaften-Roman und Benjamins Essay Erfahrungen mit der zeitpolitischen Signatur der turbulent-stockenden Wendejahre in Bulgarien. Nach der Aufbruchsstimmung Anfang der 90er kamen die Rückschläge einer schleichenden Restauration, die die Zeiterfahrung einer frustrierenden ewigen Wiederkehr des Gleichen aufdrängten. Die realpolitische Verwertung von mythologischen Verhaltensmustern, die in der quasimärchenhaften triumphartigen Wiederkehr des ehemaligen bulgarischen Zaren im Frühling 2001 gipfelte, bildete den phantasmagorisch-unheimlichen Hintergrund einer Lektüre der Wahlverwandtschaften, für die Goethes „Arbeit am Mythos“ politische und existenzielle Dringlichkeit und Tiefe bekommen hat. Vor diesem Hintergrund fand ich Benjamins „rettende Kritik“ am Roman, in der die theologische Durchdringung der Erzählstruktur den politischen Index der Auseinandersetzungen mit der Mythosproblematik in der Weimarer Republik trägt, sehr überzeugend, ja faszinierend. Gerade die unauflösliche Verschränkung von Theologie, Hermeneutik und zeitpolitischer Dimension macht den springenden Punkt und die Faszination von Benjamins Deutung der Wahlverwandtschaften aus. Die Logik von Benjamins hermeneutischem Verfahren ist dialektisch und bewegt sich im Dreierschritt von „Mythos“ (Thesis), „Rettung“ (Antithesis) und „Hoffnung“ (Synthesis). Den theologischen Grundbegriffen werden erzähltechnisch jeweils das Motiv des Opfers (Mythos), die Novelle als Gegenentwurf zum Romangeschehen (Rettung) und „das Symbol des über die Liebenden herabfahrenden Sterns“ (Hoffnung) zugeordnet. Benjamins Interpretation der Wahlverwandtschaften steht und fällt mit diesen theologisch-erzähltechnischen Zuordnungen, die in eine zeitpolitische Auseinandersetzung eingebettet sind.

Der Versuch, durch Benjamins Interpretationsansatz einen Zugang zu Goethes Wahlverwandtschaften zu finden, war auf einen methodologischen Rahmen bezogen, der durch die akademische Vorherrschaft des Poststrukturalismus in Bulgarien während der 90er Jahre bestimmt war. Aus der Distanz der Zeit erscheint die Begeisterung für den Poststrukturalismus der jungen Intellektuellen meiner Generation, die damals Mitte zwanzig waren, als eine Art Befreiungsfieber, das die beschleunigte Loslösung vom staatlich verordneten Marxismus begleitete. Relativ schnell erstarrte jedoch das Befreiungspotential des poststrukturalistischen Diskurses zu einem selbstbezogenen und sich selbst bedienenden Jargon, der sich problemlos mit der neuen kapitalistischen Macht der Medien arrangierte und von ihr restlos aufgesogen wurde. Als ich 1997 zum ersten Mal zu einer wissenschaftlichen Tagung nach Weimar kam, steckte ich noch voll mittendrin im poststrukturalistischen Jargon, den ich ziemlich gewaltsam Goethes Texten aus der Jahrhundertwende aufstülpte. Die Einsicht in die wohlwollend verständnisvolle Kritik an meinem interpretativen Gewaltstreich kam erst später, als ich mich durch gesellschaftspolitische Entwicklungen in Bulgarien gezwungen sah, die Bedingungen meiner eigenen wissenschaftspolitischen Sozialisierung zu überdenken. Bei dieser Aufarbeitung des Nächstvergangenen im Modus einer gelebten Geschichte der Gegenwart fand ich meine Gewährsmänner in den Denkern der Kritischen Theorie, vor allem in Adorno und Benjamin, die von der epigonalen poststrukturalistischen Schnellverwertung weitgehend unversehrt geblieben waren. Durch diesen zeitlich und theoretisch kostspieligen Umweg gelangte ich zu Benjamins Wahlverwandtschaften-Essay, der mich beunruhigender an Goethes Roman band, als es die poststrukturalistischen Überinterpretationen je vermocht hätten.

In meinen darauffolgenden Studien haben sich drei Kristallisationspunkte ergeben, die in das Habilitationsprojekt eingegangen sind und für weitere Nachforschungen richtungsweisend bleiben: 1) der Kritischen Theorie verpflichtete Interpretationsansätze, die den Rezeptionshorizont der späten 60er und die erste Hälfte der 70er Jahren weitgehend bestimmen. Diese Interpretationen übernehmen und radikalisieren Benjamins These von der ahistorischen Mythisierung der Natur als einer dunklen und Opfer fordernden Macht, zu der Goethe in den Wahlverwandtschaften Zuflucht genommen haben soll. Man bekommt zuweilen den Eindruck, daß die Weiterführung von Benjamins Mythisierungsthese oft aus einem zeitkritischen Anlaß mit einer Unterschreitung des Reflexionsniveaus des Wahlverwandtschaften-Essays einhergeht; 2) diskursanalytische Interpretationen, die in der Nachfolge des französischen Poststrukturalismus die Wahlverwandtschaften für ein „Geschichtszeichen der neuen Erfahrung, daß an der Stelle des autonomen Subjekts Gesetze herrschen, die Begehren und Sprechen codieren“ (Norbert Bolz) beanspruchen. Trotz der Bedenken, die man mit guten Gründen gegenüber der poststrukturalistischen Liquidierung des Subjekts haben mag, trägt dieser Ansatz immerhin zur besseren Erhellung der unvergleichlichen Kohärenzerfahrung bei, mit der Goethes Roman den Leser konfrontiert; vor allem die Hervorhebung der allegorischen Schreibweise des Romans kann als wichtiger Beitrag dieser Interpretationsrichtung betrachtet werden; von hier aus ergibt sich auch ein Anschluß an Benjamins Konzeption der barocken Allegorie, die rückwirkend auf den früheren Essay angewendet werden kann; 3) modernitätstheoretische Lesarten der Wahlverwandtschaften, die seit den 80er Jahren Benjamins Mythisierungsthese vielfach in der Überzeugung aufgreifen, der „Mythos“ stelle für Goethe einen tröstenden Ausweg dar: einerseits aus der sinnentlehrten Welt der Moderne oder aber andererseits: in der m. E. weiterführenden Perspektive einer Deutung der Funktion der Mythologie beim späten Goethe als ein „Instrument polemischer Kulturkritik“ (Giovanni Sampaolo) andererseits. Diese drei Kristallisationspunkte, die sich aus der Beschäftigung mit Benjamins Essay und Goethes Roman ergeben haben, setzen den Rahmen meines nächsten Forschungsprojekts. Es hat die Wechselwirkungen zwischen Mystik und Moderne von der spanischen Mystik des XVI. Jh.s bis Robert Musils Roman Mann ohne Eigenschaften zum Gegenstand. Goethes Auseinandersetzung mit der Moderne im Wahlverwandtschaften-Roman bildet in dieser unterirdisch unsichtbaren Geschichte eine Umschlagstelle für das Verständnis des - mit Hölderlin zu sprechen - Heilignüchternen als Signatur der modernen Zeiten.

 

 

© Vladimir Sabourin
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© E-magazine LiterNet, 21.07.2006, № 7 (80)

Текстът е четен на конференция на стипендианти на Goethe-Gesellschaft in Weimar на 26 май 2006 г. във Ваймар, Германия.